Mein Berlin

Warum Berlin an lauen Sommerabenden einfach nur magisch ist

Statt Frühling herrscht gefühlt Sommer. Abends zeigt sich die Stadt jetzt von ihrer schönsten Seite. Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Foto: Robert Schlesinger / picture alliance / Robert Schles

Wenn man lange in einer Stadt lebt, ist es manchmal wie mit einer langen Beziehung. Nach der ersten Verliebtheit kehrt irgendwann der Alltag ein. Was anfangs noch spannend war, wird irgendwann Routine. Nachts über den Kotti latschen? Darauf wetten, dass man es mit dem M29er Bus pünktlich zur Arbeit schafft? Einen Termin beim Bürgeramt für die rechtzeitige Anmeldung der Wohnung bekommen? Hui, denkt da der Neuankömmling. Wer schon länger da ist, zieht gelangweilt die Augenbrauen hoch.

Wie in jeder langen Beziehung gibt es dann irgendwann diese Momente, in denen man daran zweifelt, ob das alles noch so richtig ist. Wenn man sich zum Beispiel fragt, ob man wirklich noch länger die Socken auf dem Schlafzimmerfußboden oder den Streit um den richtigen Standort der Milch im Kühlschrank ertragen will. Oder wenn man sich eben fragt, ob so ein sechsmonatiger Berliner Winter mit einem Kälte-, Regen- und Matschgemisch wirklich der richtige Lebensraum für einen ist und nicht, sagen wir mal, eine pittoreske Hafenstadt am Mittelmeer.

Ehrlich, dieser Winter war die Hölle. Er dauerte von Oktober bis Ende März, wobei die Tage mit den tiefen Minusgraden am schlimmsten waren. Und alle hatten Grippe. Es war wirklich nicht mehr zu ertragen. Wäre Berlin ein Mann, ich hätte sofort mit ihm Schluss gemacht.

Wie Versöhnungssex nach einem hässlichen Streit

Umso besser, dass die Stadt jetzt endlich wieder die Kurve gekriegt hat. Der ach so launische April hat die einstelligen Temperaturen bereits hinter sich gelassen und direkt eine Art von frühem Sommer gebracht. Ganz Berlin ist fix und fertig vor Freude. Die durchgefrorenen Körper lechzen nach Wärme und die ausgehungerten Zellen nach Sonnenlicht. Auf kalkweißen Beinen tappst man ungläubig ins Freie, um in Park und Eisdiele endlich wieder eine Ahnung davon zu bekommen, wie herrlich das Leben ist. Und als wäre das noch nicht genug, wird die Zeit nach 18 Uhr zum magischen Abschluss eines jeden Tages: Der laue Sommerabend feiert sein Comeback! Genau die Stunden, in denen die Stadt sich von ihrer allerschönsten Seite zeigt.

Es sind Abende, in denen man sich wieder mal ganz neu in Berlin verlieben kann, nachdem man es eine Zeit lang gehasst hat. Das ist wie Versöhnungssex nach einem hässlichen Streit. Und wer jetzt kommt und meckert, es sei ja noch gar nicht Sommer, sondern offiziell erst Frühling, der darf zum Lachen in den Keller gehen.

Man kann diese Stadt doch gar nicht genug anschmachten, wenn man mit einem Bier vor dem Späti auf Holzbänken sitzt – oder direkt am Ufer von Havel oder Spree. Wenn man in einer Bar auf einer Dachterrasse bis zum Teufelsberg und weiter gucken kann und das Funkeln der untergehenden Sonne die Luft so rosa färbt, dass sämtliche Einhörner, Prinzessinnen und Barbies neidisch werden würden. Es ist ein ganz magisches Licht, das sich an diesen lauen Sommerabenden über die Stadt ergießt, wenn das Himmelblau einem warmen, verheißungsvollen Glühen weicht.

Kohle, Würstchen, Knobibrot: von Köpenick bis Reinickendorf

Die Stimmung, die Häuser, Bäume und Menschen dann einhüllt, ist quasi der Bonustrack auf der Platte des viel besungenen Berliner Freiheitsgefühls. Das jeder spürt, der ohne Jacke nach der Arbeit zur U-Bahn schlendert. Das jeder spürt, der die Tür zu Balkon oder Terrasse bis in die späten Abendstunden sperrangelweit offen lässt. Das jeder spürt, der nachts im T-Shirt mit dem Fahrrad durch die warmen Straßen gurkt, auf denen viel mehr fröhliche Menschen als sonst zu sehen sind.

Ein Gefühl, das auch jeder spürt, der diese sonderbare Berliner Sommerabendluft inhaliert, in der sich die Ausdünstungen aus Döner-, Falafel- und Burgerbuden mit denen vom Inder, Italiener und Vietnamesen vermischen, weil alle nur noch draußen essen.

Nicht zu vergessen: der Grillgeruch. Wenn es einen Indikator für den Auftakt der besten Zeit des Jahres gibt, dann diesen. Kohle, Würstchen, Knobibrot: von Köpenick bis Reinickendorf. Ach ja, Berlin. Da weiß man plötzlich wieder, warum man sich mal für diese lange Beziehung entschieden hat: Trotz Alltag und Routine hat man doch immer wieder Schmetterlinge im Bauch.

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