Mein Berlin

Wenn die Nase dichter ist als Party-Touris in Friedrichshain

Grippale Infekte sind schrecklich. Alles tut weh. Und dann ist auch noch das Handy leer. Eine Beschwerde von Nina Paulsen.

Ein grippaler Infekt ist wirklich grässlich

Ein grippaler Infekt ist wirklich grässlich

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Berlin. Die Nase läuft. Der Kopf tut weh. Die Ohren sausen. Und im Hals liegt ein Stück Stacheldraht. Die Wohnung riecht so sehr nach Eukalyptus, dass sich eine Koala-Familie sicher sehr wohlfühlen würde. Aber flauschige Beuteltiere gibt’s hier nicht. Nur ein pelziges Gefühl auf der Zunge. So, als hätte eine Maus im Mund geschlafen.

Berlin hat Grippe und Schnupfen und Husten und Infekte und Fieber – so schlimm wie nie. Ich fiebere und huste mit. Es fing an, als ich vor zwei Wochen in einem Restaurant in Pankow ein Pilzrisotto aß. Es kratzte im Hals und ich dachte: Mist. Am nächsten Morgen fühlte ich mich, als hätte ich mit dem Kopf unter einem Betonmischer geschlafen. Selbst meine Haare taten weh. „Versuch doch, es positiv zu sehen“, sagte eine Freundin von mir. „So eine Gelegenheit hat man eigentlich viel zu selten.“ Endlich mal wieder nichts tun dürfen. Auf dem Sofa liegen, Fernsehen gucken. Ohne Aufgaben und Termine. Ja. Das klingt natürlich super, so in der Theorie. Aber in der Realität tut Fernsehgucken noch mehr weh als sonst. Beim Lesen pikst es hinter der Stirn. Und die Nase ist dichter als Partytouristen in Friedrichshain.

Ich bin ganz sicher: Jeder, der in diesen Tagen so daliegt mit dem Fieberthermometer im Mund und der Wärmflasche auf der Brust würde lieber nackt den Mount Everest besteigen, als dieses quälende Nichtstun auch nur eine Stunde länger ertragen zu müssen.

Die Symptome wegreden oder in Selbstmitleid zerfließen

In Sachen Erkältung hat ja aber jeder seine ganz eigene Strategie, mit diesem ganzen Elend umzugehen. Schön sind ja immer die Leute, die sich und anderen mantraartig herunterbeten, sei seien wirklich überhaupt gar nicht krank. Der Husten? Nur verschluckt. Der Schnupfen? Von der trockenen Heizungsluft. Die zwei Aspirin? Das Bier war schlecht. Irgendwie wird sich die Realität schon mit Worten verbiegen lassen, verdammt noch mal. Diese Leute sind quasi der Gerhard Schröder unter den Kranken. Die Wahl verloren? Ich bleibe Kanzler! Und wenn ich das sage, dann ist das auch so.

Und dann gibt’s ja auch die ganz anderen Typen, die schon beim ersten Kratzen im Hals in Selbstmitleid zerfließen. Erst mal Mama anrufen und jammern. Dann Oma anrufen und noch mehr jammern. Den Freunden auf Whatsapp schreiben und dabei viele Emojis mit Mundschutz und Taschentuch verwenden. Sehr, sehr viele. Natürlich muss man alle 20 Minuten Fieber messen und glaubt irgendwann, dass das Thermometer ganz sicher kaputt ist, weil es nie über 36,8 Grad anzeigt. So ein Mistding. Also lieber schnell die Worte „Erkältung + Gefahren“ googeln. Dann: „Grippe“ googeln. „Nasennebenhöhlenentzündung“ googeln. „Hirntod + erste Anzeichen“ googeln.

Der Selbstmitleids-Typ unter den Kranken wird, wenn er nicht aufpasst, übrigens ganz schnell zum Selbstaufgabe-Typ: Mir geht’s schlecht. Ich werde sterben. Ganz sicher sogar.

Wenn man einschlafen will, kommt der Reizhusten

Wobei ich das ein bisschen verstehen kann. Wenn man da so vor sich hinsiecht, kann man wirklich pessimistisch werden. Selbst an Schlaf ist ja nicht zu denken. Wenn man auch nur für eine Sekunde die Augen schließt, schlägt sofort der Reizhusten zu. Das ist ein Naturgesetz, das das Universum dafür eingerichtet hat, dass man sich in seiner Qual gleich noch schlechter fühlt. Das gilt in Berlin übrigens das ganze Jahr, nicht nur im Winter. Im Sommer sorgt dieses Naturgesetz etwa dafür, dass einem im Strandbad Wannsee genau dann die Pommes runterfallen, wenn man sie den ganzen Weg durch den glühend heißen Sand zum eigenen Liegeplatz getragen hat. Aber das ist ein anderes Thema. Der Sommer ist ja leider so weit weg wie die nächste Steckdose, wenn man darbend auf dem Sofa liegt und das Handy leergegoogelt hat.

Am Ende hilft also nur, sich aufzuraffen, zur Apotheke zu gehen und sich mit Kräutern und Chemie einzudecken. Wenn der Medizin-Schrank dann besser ausgestattet ist als ein Crystal-Meth-Labor in Brandenburg, geht es langsam wieder bergauf. Wenn dann noch die Maus aus dem Mund auszieht, ist irgendwann alles wieder gut.

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