Mein Berlin

Was Langsamlatscher mit StudiVZ zu tun haben

Nina Paulsen darüber, wie absurde Gruppen bei StudiVZ uns früher die Noten versauten – und bis heute dennoch Bestand haben.

Eine Nutzerin vor StudiVZ

Eine Nutzerin vor StudiVZ

Foto: Jana Marie Kophstahl

Berlin. Wenn man Mitte 30 ist, fängt man an, sich ab und zu mal über die guten alten Zeiten Gedanken zu machen. Das ist natürlich ein furchtbarer Begriff, dieses „die gute alte Zeit“. So was sollte man eigentlich erst sagen, wenn man auf die 70 zugeht und nachmittags auf einer Parkbank sitzt, um Vögel zu füttern. Wobei das auch wiederum total unrealistisch ist, wenn ich mir unser Rentensystem anschaue. Wahrscheinlich stehe ich mit 70 beim Fast-Food-Laden hinter der Theke und darf Burger verkaufen, weil die Rente nicht zum Leben reicht. Außerdem sind Vögel dann wahrscheinlich ausgestorben und durch irgendwelche Roboter-Viecher ersetzt. Oder es fliegen nur noch Papageien und Tukane durch Berlin, weil es durch den Klimawandel auch im Winter 30 Grad sind. Wer weiß das schon.

Höchste Zeit also, sich jetzt schon Gedanken über verflossene Zeiten zu machen. Ich kam dazu, als eine Freundin von mir neulich anfing, bei einem Glas Wein über StudiVZ zu sinnieren. Wer jetzt noch sehr jung ist: Das war so vor zehn bis 15 Jahren quasi Facebook, Tinder und Instagram in einem und hat jedem Studenten von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen pro Semester mindestens eine Klausur oder Hausarbeit versaut, weil man nächtelang dort herumsurfte, statt sich ums Lernen zu kümmern.

Manchmal stehe ich rappend an einer brennenden Mülltonne

Für alle Älteren kann man es eigentlich gar nicht richtig erklären, aber so viel sei gesagt: StudiVZ machte süchtig. Toll daran waren die Gruppen, denen man eigentlich beitreten sollte, um sich über ein bestimmtes Thema auszutauschen. Das tat aber niemand. Stattdessen wurden Gruppen mit Quatsch-Namen gegründet, quasi als ironische Statements. für die Außenwelt. Zum Beispiel: Ich kaufe ein A und löse: „Bockwurst“. Oder: Manchmal stehe ich rappend an einer brennenden Mülltonne. Oder: Mein Name ist Hans. Das L steht für Gefahr. Das verstehen jetzt aber halt auch nur Menschen, die irgendwie zwischen 30 und 40 sind.

Meine Freundin und ich konnten uns schnell auf eine Lieblingsgruppe einigen. Eine, die bis heute einem tiefen persönlichen Empfinden entspricht und die wir am liebsten den ganzen Tag als Schild um den Hals durch Berlin tragen würden: Ich hasse Langsamlatscher und Im-Weg-Rumsteher.

Langsamlatscher und Im-Weg-Rumsteher sind eine Geißel

Wirklich, ich hasse sie. Auf dem Weg zur U-Bahn ist es kaum zu ertragen, wenn Menschen zu dritt nebeneinander im Schneckentempo den Gehweg versperren. Oder so sehr in ihr Smartphone vertieft sind, dass sie Schlangenlinien laufen wie ein Betrunkener mit 2,4 Promille. Und man aufpassen muss, nicht mit ihnen auf Kollisionskurs zu geraten. Mütter-Horden mit ihren Kinderwagen nicht zu vergessen – und ich darf das sagen, weil ich selbst mal eine von denen war. Und Touristen mit riesigen Schrankkoffern, die nicht nur wie eine undurchdringbare Mauer für alle anderen hinter ihnen sind, sondern gern auch abrupt stehen bleiben. Entweder, um ein hässliches Graffiti zu fotografieren, weil sie es für Street-Art halten – oder um nachzuschauen, ob sie überhaupt in die richtige Richtung laufen.

Langsamlatscher und Im-Weg-Rumsteher sind eine Geißel für alle gehetzten Berliner, die schnell nach Hause wollen oder zur Arbeit und die keine Lust auf gemütliches Schlendern haben. Das kann man machen, wenn man irgendwann alt ist. Also, vielleicht so mit hundert Jahren dann, wenn man genug Burger gebraten hat, um die Rente aufzubessern. Da kann man dann endlich in Ruhe die Roboter-Vögel füttern – oder was auch immer durch die Berliner Luft schwirrt. Wenn ich hundert Jahre alt bin, haben wir das Jahr 2083. Das klingt genauso absurd, wie wenn mir ein heute 18-Jähriger erzählt, er sei im Jahr 2000 geboren. Das war doch erst gestern! Das kann einen ganz schön fertig machen.

Bei StudiVZ gab es damals auf jeden Fall eine tolle Gruppe, die ich im Jahr 2083 dann beherzigen werde: Wenn ich alt bin, werde ich nur nörgeln. Das wird ein Spaß!

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