Mein Berlin

Warum der Berliner Winter eine Enttäuschung ist

Graue Matschsuppe statt weißer Pracht. In Berlin sieht es nie so schön aus, wie in der Werbung. Eine Beschwerde von Nina Paulsen.

Schon nach kurzer Zeit verwandelt sich die Schneepracht in eine graue Siffsuppe

Schon nach kurzer Zeit verwandelt sich die Schneepracht in eine graue Siffsuppe

Foto: Wolfgang Kumm / picture alliance / dpa

Berlin. Manchmal besteht das Leben aus Enttäuschungen. Darauf kann sich jetzt schon mal jeder vorbereiten, der an Heiligabend unter dem Weihnachtsbaum wieder mal nur doofe Socken statt des gewünschten iPhone vorfindet. Ich war zuletzt richtig enttäuscht, als am vergangenen Wochenende der Winter in Form des ersten Schnees nach Berlin gekommen ist – ein klassischer Fall von: „Hurra! Ach nee, doch nicht.“

Da sieht man die Schneeflocken im Schein der Straßenlaternen an seinem Schlafzimmerfenster vorbeitanzen und denkt mit einer Träne der Rührung im Auge: Hach! Möge sich die weiße Pracht sanft auf unserer Stadt niederlassen und Straßen, Häuser und Bäume mit einer puderzuckrigen Schicht überziehen, die Kinder euphorisch und Erwachsene melancholisch werden lässt!

Geht man etwas später oder am nächsten Morgen vor die Tür, steht man allerdings knöcheltief in der gleichen nassgrauen Siffsuppe, die Berlin jedes Jahr von Dezember bis März überzieht: Ekliges Brackwasser, in dem sich geschmolzener Schnee mit Rußpartikeln und Dönerresten mischt – fast so schlimm wie der Kaffee, den es früher in der Uni-Mensa gab.

Stau statt „Driving Home for Christmas“

Aber vielleicht ich bin auch selber Schuld. Genau so, wie einem Disneyfilme unrealistische Vorstellungen von der Liebe vermittelt haben, haben mir Radio, Fernsehen und Werbung ein unrealistisches Bild vom Winter vermittelt. Überall sieht man verschneite Wiesen und Berge, über die verträumte Menschen laufen, ein glückliches Winter-Wonderland. Überall dudelt „Last Chrismas“ und „Let it snow“ und „Driving Home for Christmas“ – was natürlich völlig an der Wirklichkeit vorbeigeht. Wer zu Weihnachten nach Hause fährt, würde nie ernsthaft nach Schnee verlangen – und sitzt trotzdem entweder in einem verspäteten, übervollen Zug oder im Stau auf einer beliebigen bundesdeutschen Autobahn fest.

Im Foyer des Bürogebäudes am Neuen Kranzler Eck am Kudamm, wo auch die Redaktion der Berliner Morgenpost ihre Räume hat, hängt neuerdings ein riesiges Plakat einer Frau. Sie hat einen ebenmäßigen Teint und trägt eine geschmackvolle Wollmütze über ihren glänzenden kastanienbraunen Haaren. Auf ihren Händen liegt blütenweißer Schnee, den sie sanft dem Betrachter entgegen pustet.

Als ich dieses Plakat zum ersten Mal sah, wurde ich gerade von einer eisekalten Windböe hereingeweht. Meine Jacke war vom Schnee pitschenass, meine Mütze auch und die Nase und Wangen rot von der Kälte. Wirklich: Winter lässt die Menschen nicht gerade schöner aussehen. Man hat trockene Haut, spröde Lippen und noch sprödere Haare, die jedes Mal elektrostatisch aufgeladen durch die Gegend fliegen, wenn man Mütze und Schal abzieht. So ein Plakat kann man da wirklich nicht gebrauchen. Ich verstehe gar nicht, warum sich alle immer nur über Bikini-Models als falsche Rollenbilder aufregen. Diese perfekten Winterfrauen können bei anfälligen Gemütern durchaus Frust hervorrufen, vermute ich.

Mit Skiern aus der U-Bahn in den Grunewald

Wobei der Winter in Berlin offenbar auch nicht immer so enttäuschend war wie bislang. Im Internet auf der Seite der staatlichen Museen fand ich ein Foto von 1931, auf dem der U-Bahnhof Krumme Lanke zu sehen ist – und drei junge Männer, die auf Skiern von dort aus in den Grunewald gefahren sind. Mit Skiern direkt aus der U-Bahn! Seit ich dieses Foto kenne, ist es ein neues Lebensziel von mir, einmal mit Skiern am Kudamm aus der U-Bahn zu steigen und dann direkt zum Büro zu gleiten.

So einen Winter wünsche ich mir statt dieses nassen Gematsches. Ein Winter, in dem die Stadt stillsteht, weil vor lauter Schnee keiner mehr sein Auto benutzen kann. Ein Winter, in dem die Geräusche gedämpft sind und Äste sich schwer beladen nach unten biegen. Ein Winter wie aus einem Disneyfilm, in dem wir mit Schlittschuhen über die Spree tanzen und „Let it snow“ jubilieren.

Naja. Schon klar, dass es da wieder Enttäuschungen gibt. Hoffentlich bekomme ich zu Weihnachten nicht auch noch Socken geschenkt.

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