Mein Berlin

Lautstarke Nachbarn und ein seltsamer Verdacht

Man sieht sie nicht, man hört sie nur: Die neuen Nachbarn von Kolumnistin Nina Paulsen produzieren komische Geräusche. Was ist da los?

Seine Nachbarn kann man sich in den meisten Fällen nicht aussuchen

Seine Nachbarn kann man sich in den meisten Fällen nicht aussuchen

Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopres / picture alliance / Geisler-Fotop

Berlin. Ich habe seit Anfang des Monats neue Nachbarn. Sie sind in die Wohnung direkt über uns gezogen, allerdings habe ich sie seither noch nicht zu Gesicht bekommen. Aber einer der Neulinge muss Musiker sein. Vielleicht Flötist, Oboist oder Klarinettist, jedenfalls flötet es jetzt den ganzen Tag über unserem Schlafzimmer. Tonleitern zum Aufwärmen und dann Melodie für Melodie, morgens, abends, nachts.

Was jetzt nicht heißen soll, dass ich mich 24 Stunden im Schlafzimmer aufhalte, was ich aber wie jeder vernünftige Mensch von Oktober bis April natürlich gern tun würde. Jedenfalls: Immer, wenn ich zufällig ins Schlafzimmer komme, wird über mir geflötet. Schön und beruhigend ist das, vor allem jetzt, zur Weihnachtszeit. Außerdem erhalte ich ganz neue Einblicke in die Flötenmusik, was mir seit der Grundschule nicht vergönnt war. Ich kann mich nicht beklagen.

Allerdings läuft bei unseren neuen Nachbarn auch ständig die Waschmaschine. Wir wohnen in einem Altbau und immer, wenn es über uns schleudert, vibrieren die Wände, als würde eine U-Bahn unter unserer Wohnung entlang fahren. Im Küchenregal klirren die Gläser. Meine neuen Nachbarn scheinen sehr reinliche Menschen zu sein, denn sie waschen den ganzen Tag Wäsche, weshalb es in unserer Küche den ganzen Tag klirrt.

Falls mal ein Erdbeben in Berlin ausbricht oder, was ebenso wahrscheinlich ist, eine Dinosaurier-Herde durch Prenzlauer Berg trampelt, werde ich davon mutmaßlich nichts mitbekommen. Ich frage mich, ob der Flötist sich von der Waschmaschine gar nicht gestört fühlt.

Der Staubsauger kratzt über das Laminat

Meine neuen Nachbarn staubsaugen zudem äußerst gern. Als wir jetzt am dritten Advent besinnlich im Wohnzimmer bei Spekulatius beisammen saßen, konnten wir genau hören, wie sich der Staubsauger über uns kratzend von der Tür bis zum Fenster über das Laminat vorarbeitete und ab und zu gegen die Fußleisten stieß. Das weckte sofort leicht ungute Erinnerungen an meine Teenagerzeit in mir. Wenn meine Mutter meinte, ich könnte am Sonntag gegen 14 Uhr vielleicht mal aufstehen, saugte sie im Flug immer extra laut Staub und natürlich die ganze Zeit vor meinem Zimmer. Ich fand das früher furchtbar nervig.

Jetzt, wo ich selbst Mutter bin, freue ich mich schon drauf, wenn unser Sohn irgendwann alt genug ist und am Wochenende auch nicht aus den Federn kommt. Wir werden dann den saubersten Flur von ganz Berlin haben. Im Moment wird unser Sohn aber noch jeden morgen um halb sieben wach und ich bin heilfroh, dass ich nicht ständig staubsaugen muss.

Mein fleißiger Nachbar schiebt in den Abendstunden dann manchmal noch Möbel durch seine Wohnung. Vielleicht ist der Mitbewohner oder die Mitbewohnerin des Flötisten ein Mensch mit einem Faible für Innenausstattung und probiert gern die neuesten Trends aus. Vielleicht müssen die Möbel auch wieder an Ort und Stelle geschoben werden, wenn sie sich durch das Vibrieren der Waschmaschine durch die Wohnung gewandert sind. Wer weiß, was da los ist den ganzen Tag.

Ein bowlender Oktopus?

Ich habe mich jedenfalls gut an die Geräuschsroutine unseres Nachbarn gewöhnt. Auch wenn ich ihn noch nie gesehen habe, könnte ich ihn getrost heiraten, ohne irgendwelche Überraschungen zu erleben: ein reinlicher Flötist mit Waschmaschinenfetisch. Mehr muss man vor einer Ehe ohnehin nicht voneinander wissen. Das reicht völlig aus.

Seit gestern bin ich allerdings etwas nervös. Neben dem Flöten, Vibrieren und Saugen fing es plötzlich zu gluckern und zu plätschern an. So, als hätte mein Nachbar einen riesigen Wassertank zum Beispiel mit einem riesigen Oktopus darin aufgestellt. Ein Weihnachtsgeschenk? Ich lauschte. Dann rummste es. Und etwas sehr Schweres wurde über den Boden gerollt. Eine riesige Bowlingkugel! Da war ich mir sicher. Ich fasse also zusammen: Ein reinlicher Flötist mit Waschmaschinenfetisch lebt über uns mit einem bowlenden Oktopus zusammen. Ich glaube, dass mit dem Heiraten ist doch keine so gute Idee.

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