Mein Berlin

Warum werfen die Berliner ihre Pakete immer als Ganzes weg?

Weil es eben so bequem ist, wie Sperrmüll auf die Straße zu stellen, meint Kolumnistin Nina Paulsen. Ein Plädoyer für mehr Rücksicht.

Typisch: Ganze Kartons im Altpapiercontainer

Typisch: Ganze Kartons im Altpapiercontainer

Foto: Privat / BM

In Berlin gibt es drei Dinge, die ohne ausdauernde Hartnäckigkeit und akribische Planung nicht funktionieren. Erstens: Einen Reisepass in einem Bürgeramt beantragen. Zweitens: Als Kassenpatient einen Termin bei einem Augen-, Haut- oder anderem Facharzt in einem beliebigen Bezirk bekommen. Drittens: Altpapier entsorgen.

Bei uns im Haus zum Beispiel ist richtiges Timing alles. Man muss unmittelbar in der Sekunde die Treppen nach unten sprinten, in der die Entsorgungs-Jungs den soeben geleerten Container wieder in den Innenhof schieben. Und dann ganz schnell die gesammelten Kartons und alten Zeitungen einwerfen. Kommt man nur eine Minute zu spät, ist das Ding wieder bis oben hin voll und man kann seiner Pappe eine weitere Woche in der ohnehin viel zu kleinen Wohnung Obdach gewähren. Unter diesem Problem, das kann ich mit Sicherheit sagen, leiden ziemlich viele Bewohner von Mietshäusern in Berlin.

So, und jetzt muss ich mal den Spießer heraushängen lassen. Denn eigentlich, liebe Freunde, passen unsere ganzen Kartons und Zeitungen ohne Probleme in diese blauen Papiercontainer, die übrigens stolze 660 Liter Fassungsvermögen haben. Nur: Wenn man seine Kartons nicht auseinanderfaltet, zerreißt oder sonst wie plattmacht, sondern sie als Ganzes dort hineinwirft, ist doch klar, dass die Container schneller voll sind als Büroangestellte beim Afterwork-Glühweintrinken auf dem Weihnachtsmarkt.

Berlin zählt zu den faulsten Städten

Echt jetzt mal: Wie kann man nur so faul sein? 2013 ermittelte eine österreichische Studie die „50 faulsten Städte Deutschlands“. Ich bin ganz überrascht, dass Berlin es damals immerhin auf den fünften Platz geschafft hat und nicht in der Liste ganz vorne stand. Es ging zwar bei der Studie um Dinge wie Arbeitslosigkeit, Transferleistungen und die stets offene Hand bei Soli und Länderfinanzausgleich. Aber die Sache mit dem unfreiwilligen Tetris im Altpapiercontainer weckt den Verdacht, dass auch die kleinen Faulheiten im Alltag irgendwie mit reinspielen.

Da ist ja zum Beispiel noch die in Berlin oft so kreative Entsorgung des Sperrmülls. Jeder Horst stellt kaputte Tintenstrahldrucker, ausgelatschte Schuhe oder fleckige Matratzen auf den Gehweg, versehen mit einem Zettel auf dem gönnerhaft „zu verschenken“ steht. Na, vielen Dank.

Ich hoffe, es glaubt keiner ernsthaft von sich, hier mit einer besonders milden Gabe Punkte auf dem Nächstenliebe-Konto zu sammeln. Es hatte einfach nur jemand keine Lust, seinen Schrott zum Wertstoffhof oder Altkleidercontainer zu fahren. Zettel dran, Problem gelöst.

Bequemlichkeit als Altruismus getarnt

In die gleiche Kategorie fällt das Abstellen von Pfandflaschen am Wegesrand. Offiziell wird das immer damit begründet, dass man ja so Obdachlosen und Flaschensammlern ermöglicht, an ein bisschen Geld zu kommen. Ja, sehr großzügig, unglaublich freundlich. So lässt sich die eigene Bequemlichkeit wunderbar mit Altruismus kaschieren.

Wer wirklich ärmeren Menschen helfen will, könnte ja auch seine alten Flaschen und Dosen selbst entsorgen und das Geld spenden oder direkt einem Obdachlosen geben. Verrückte Idee, ich weiß. Aber sich für acht oder 25 Cent Pfand an einen Automaten stellen? Hui, viel zu anstrengend.

Ich liebe Berlin für seine Schwächen, verehre es sogar dafür. Ich glaube zutiefst daran, dass aus dem Unperfekten etwas entstehen kann. Dass nur dort Motivation und Energie freigesetzt werden, wo es etwas zu gestalten gibt. Und die Stadt würde nichts von diesem Geist einbüßen, wenn wir uns alle etwas zusammenreißen. Oder anders gesagt: Keiner bricht sich einen Zacken aus seiner Krone, wenn er seine Kartons kleinfaltet und seinen Müll wegwirft. Dann müsste auch keiner mehr in aller Herrgottsfrühe die Treppen zum Container runterrennen.

Bleibt nur noch die Sache mit den Arztterminen und dem Bürgeramt. Aber na gut. Zu perfekt wollen wir ja auch nicht werden.

Um Themen wie dieses geht es übrigens regelmäßig in unserem Berlin-Podcast "Molle und Korn" (hier zur Folge 4: "Police Academy und Hasselhoff live im Adlon")

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