Mein Berlin

Warum Weihnachts-Shopping in Berlin so schrecklich ist

Geschenke einkaufen vor Weihnachten ist in Berlin die Pest. Schuld sind vor allem die grässlichen Shopping-Malls, meint Nina Paulsen.

Playlist Weihnachten

Mi, 29.11.2017, 09.50 Uhr

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Berlin. Wenn dieser Text erscheint, sind es noch 25 Tage bis Heiligabend. NUR noch 25 Tage müsste man korrekterweise sagen. Als mir diese Zahl bewusst geworden ist, musste ich auf den darauf folgenden Schock erst einmal eine Weile klarkommen: Es ist doch immer gruselig, wie fix die Zeit vergeht. Ich gehöre zur pessimistischen Das-Glas-ist-halb-leer-Fraktion, die ängstlich an die Vergänglichkeit im Allgemeinen und an die des Jahres 2017 im Besonderen denkt: schon wieder ein graues Haar entdeckt, schon wieder keinen Flughafen eröffnet. Oh nee! Aber ich denke auch sofort panisch daran, dass man jetzt langsam mal damit loslegen müsste, die Weihnachtsgeschenke zu besorgen.

Unglück im Unglück: In Berlin kann man jetzt bis Heiligabend fast jeden Tag einkaufen gehen. Am ersten und dritten Advent haben die Geschäfte geöffnet. Wenn man so will, ist der zweite Advent am 10. Dezember der einzige und letzte Tag mit einer Konsumpause, den es dann noch gibt. Ja. Das mit der besinnlichen Weihnachtszeit können wir genauso gut wie S-Bahn, Bürgeramt und Straßenbau. Also: nicht. Es ist schon ziemlich grotesk, dass ernsthaft darüber debattiert wird, ob nicht auch der 24. Dezember – ein Sonntag – verkaufsoffen sein sollte.

Geschenke einkaufen in der Weihnachtszeit ist in Berlin sowieso die Pest. Ich renne immer völlig planlos ins Alexa am Alex oder in eine der anderen grässlichen Shoppingmalls, die von außen allesamt so aussehen, als habe der Architekt einen Bad-Taste-Award gewinnen wollen. Obwohl es brechend voll ist, breitet sich drinnen in mir sofort eine verwirrte Leere aus, sobald ich durch die gläsernen Türen gegangen bin. Der Marmorboden glänzt, nach oben erstrecken sich zwei, drei oder mehr Stockwerke voller Geschäfte und ich fühle mich überfordert wie früher in der Schule, als man angesichts des soeben ausgeteilten Klausurbogens nicht wusste, ob man hysterisch lachen oder gleich zum Arbeitsamt gehen sollte.

In der Mall muss man dann erst mal Jacke, Schal und Mütze verstauen, sodass man noch vor dem ersten Einkauf schon so richtig schleppt. Super praktisch. Hat man sich dann erst mal auf den Weg gemacht, kommt sofort ein schöner, gepflegter Mensch mit einer Tube Creme auf einen zu gerannt, die ja gerne auf den Mittelinseln in den Gängen verkauft wird. Oder Glätteisen für die Haare. Das soll man dann schnell mal testen. Aber die meisten hier wollen weder cremen noch glätten, sie wollen nur rein, raffen und wieder raus. Was natürlich nicht so gut funktioniert, wenn man an jeder Kasse endlos lange in der Schlange steht und danach noch mal doppelt so lange an der Geschenke-Einpack-Station.

Ich vermute übrigens, Geschenke-Einpack-Stationen wurden nur erfunden, um gelangweilte Schülerinnen zu beschäftigen – und nicht, damit möglichst viele Kunden ihre Geschenke dort einpacken lassen. Tut man es doch, wird man mit Absicht noch zwei weitere Stunden im Einkaufszentrum gehalten, weil es offenbar exakt so lange dauert, zwei Taschenbücher in buntes Papier einzuwickeln. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass wir in Berlin nun mal in manchen Dingen langsamer sind.

Seine Präsente im Internet zu bestellen, ist bei alldem auch keine echte Alternative. Zumindest, wenn man keine richtige Idee hat, was man eigentlich schenken will. Bei Amazon wurde mir unter dem Stichwort "Weihnachtsgeschenk" auf der ersten Ergebnisseite eine Konservendose Mäuse-Gulasch für 6,95 Euro angeboten. Ein Scherzartikel, haha. Außerdem ein Kettenanhänger in Form eines Apfels für 99 Cent, Einhornpuschen und eine Kaffeetasse, die sich selbst umrührt. Man hätte das ganze Elend nicht besser illustrieren können.

Vielleicht wechsle ich rüber in die Das-Glas-ist-halb-voll-Fraktion. Noch 25 Tage bis Heiligabend! So viel! Wahnsinn! Da kann ich jeden Tag in die Mall gehen. Und macht am 24.12. den Laden auch noch auf! Dann bring ich jedem ne Handcreme und ein Glätteisen mit.

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