Mein Berlin

Was man in der Berliner U-Bahn auf keinen Fall tun sollte

Zum Beispiel allzu auffällig auf die Handys anderer Menschen starren und ungebetene Ratschläge geben. Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Wenn es draußen kälter wird, wird es in der U-Bahn noch voller

Wenn es draußen kälter wird, wird es in der U-Bahn noch voller

Foto: Kay Nietfeld / picture alliance / dpa

Berlin. Ich stand in der U2 Richtung Ruhleben und stierte auf mein Handy. Etwas anderes gab es in diesem Moment auch nicht wirklich zu tun. Weil es so voll war, war mein Aktionsradius etwa so groß wie der eines Huhns in einer Legebatterie: Weniger als ein Blatt der Größe DIN A4.

Ich stand also da und scrollte mit an den Körper gepressten Ellenbogen meine Mails durch, als mich ein Herr von der Seite ansprach: "Das müssen Sie aber etwas dezenter machen", sagte er. Und ich sagte: "Hä?" Und er sagte: "Ja, ich konnte gerade genau ihren Code auf Ihrem Handy sehen, fünf-fünf-eins-irgendwas. Da müssen Sie schon vorsichtiger sein." Ich dachte erst: Aha? Und dann: Was für eine Frechheit.

Wenn sie gucken, guckt man weg

Wenn es ein ungeschriebenes Gesetz in Berliner Bahnen gibt, dann das, dass man fremden Menschen nur so aufs Handy starrt und deren Nachrichten liest, dass sie davon nichts mitbekommen. Und wenn sie gucken, guckt man ganz schnell weg. Und tut so, als würde man sich brennend für das Werbeplakat einer klinischen Studie interessieren, auf dem laktoseintolerante Kettenraucher mit Kaninchenhaarallergie gesucht werden, die mit Hilfe der Kaktusfeige ihren Blutzuckerspiegel senken wollen.

Von dieser Regel jedenfalls hatte der Herr, der jetzt meinen Pin-Code kannte, wohl noch nie etwas gehört. Ich beschloss, das Gespräch mit ihm nicht fortzusetzen, murmelte ein "Ahjadanke" und drehte mich weg.

Menschen, Tiere, Kinder, Gepäckstücke und Umzugskartons

Wenn man da so eingepfercht in der U-Bahn steht, hat man auch echt andere Sorgen. Zum Beispiel versucht man, irgendwie in dieser Enge zu überleben. Seit es draußen kälter ist, sind die Berliner U-Bahnen viel voller als sonst oder besser gesagt: übervoll. Und dazwischen Schals, Rucksäcke und dicke Jacken. Man muss die Menschen als solche schon echt lieb haben, um hier nicht durchzudrehen.

An einem typischen Morgen auf dem Weg zur Arbeit, wenn man sich selbst gerade noch so reingequetscht hat, steigen am Alexanderplatz noch drei Schulklassen, vier Menschen mit ihren Fahrrädern und ein Mann mit einer großen dänischen Dogge dazu. Eine Frau hat sogar noch den Nerv, sich nebenbei zu schminken.

Manche Waggons sind wie diese Clownsautos aus alten Klamaukfilmen – kleine Vehikel, aus denen eine wahnwitzige Anzahl bunter Harlekine herausspringt. Nur, dass aus Berliner U-Bahnen eher selten Clowns, aber dafür irre viele Menschen, Tiere, Kinder, Gepäckstücke und manchmal Umzugskartons, Regale und Ponys zum Vorschein kommen.

Saunaerlebnis für 2,80 Euro

Bei so viel körperlicher Nähe kann einem schon mal richtig warm ums Herz werden. Und man bekommt ein Saunaerlebnis für den BVG-Preis von nur 2,80 Euro dazu. Das ist echt günstig – auch wenn man überlegt, was man dafür sonst noch alles geboten bekommt. Anders als SMS, die man freiwillig auf fremden Handys mitliest, hört man Gesprächen oft ganz unfreiwillig zu. Zum Beispiel bei dieser tiefsinnigen Frage, die ein Mann einem anderen in der Linie U1 irgendwo zwischen Kotti und Hallesches Tor stellte und die mich bis heute beschäftigt: "Warum heißt das hier eigentlich U-Bahn, wenn der Zug überirdisch fährt?" Ja, warum?

Zwischen Bülowstraße und Wittenbergplatz konnte ich in der U2 neulich zwei Ärzten lauschen, die sich über einen Kollegen unterhielten, der Patienten offenbar etwas zu gern Nahrungsergänzungsmittel verschreibt. "Kein erwachsener Mitteleuropäer hat ernsthaft einen Vitamin-B12-Mangel", sagte einer der beiden Mediziner abfällig. Hoch interessant! Einem Arzt, der U-Bahn fährt und dort unbeeinflusst seine Meinung äußert, vertraue ich schon aus Prinzip.

Vielleicht könnten Steuerberater, Köche, Inneneinrichter, Physiotherapeuten und Anlagespezialisten auch mal öfter U-Bahn fahren und ein paar Tipps in die Wagen hineinrufen. Quasi als Lebensberatung für unterwegs. Da hätte man endlich eine sinnvolle Ablenkung, wenn man mal wieder in der Enge herumsteht. Das Gute: Nach der Fahrt muss man nicht mal seine Pin-Nummer ändern.

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