Mein Berlin

Hohe Mieten, teure Wohnungen: Wie Berlin langsam unsexy wird

Gierige Immobilienheinis, Sanierung ohne Ende, politisches Versagen - Berlins Wohnungsmarkt nervt. Eine Tirade von Nina Paulsen.

Nina Paulsen ärgert sich über den Wohnungsmarkt

Nina Paulsen ärgert sich über den Wohnungsmarkt

Foto: Reto Klar

Vergangene Woche bekam ich Post. Ein schwerer, dunkelblauer Umschlag lag in unserem Briefkasten, die Sorte Papier, die man sonst nur für Hochzeitseinladungen und Geburtskarten wählt. Ich dachte: Hui! Bin ich endlich für den Nobelpreis nominiert? Leider stand nur der Name eines Berlin-Mitte-Unternehmens auf dem Umschlag, und dass es sich dabei um eine der "Leading Real Estate Companies of the World" handelte. Das klang wichtig. In dem Brief wurde ich angesprochen als "Sehr geehrte Eigentümerin". Als Datumsangabe ihres Schreibens hatte die Firma ein poetisches "Berlin, im Spätsommer 2017" gewählt.

Keine Poesie mehr: das Anliegen der Immobilienheinis. Ob ich meine Wohnung verkaufen oder vermieten wolle, wurde ich gefragt. Es sei immerhin die "Passion" des Unternehmens, mir mit der "zielgruppenorientierten Vermarktung" zur Seite zu stehen. Sprich: ordentlich Kohle einzutreiben. Nun. So einen überkandidelten Brief in meinen Postkasten zu werfen, ist ungefähr genauso doof wie einem Veganer ein 120-Euro-Filet zu servieren. Weder bin ich Eigentümerin, noch seid ihr, liebe Immobilienmenschen, offenbar besonders clever, was Zielgruppen betrifft. Und schließlich: Es ist nicht Spätsommer, sondern Herbst, Herrgott noch eins! Mit Mänteln, bunten Blättern und Regen, der immer dann vom Himmel fällt, wenn man gerade seinen Schirm vergessen hat.

Wenn ich eines in Berlin nicht mehr ertragen kann, dann sind es Menschen, die anderen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Also: Lasst mich bloß in Ruhe, ihr nichtsnutzigen Mietpreistreiber, ich hasse euch. So wie alle, die in meiner Nachbarschaft Gerüste an Mietshäuser klatschen, ein Jahr lang Baulärm produzieren, die ohnehin so raren Parkplätze blockieren und dann zu Tode sanierte Wohnungen für ein paar Fantastilliarden an ich-weiß-nicht-welche Leute bringen.

Ich bin vor fast zehn Jahren nach Berlin gekommen. Schon damals schimpften alle über steigende Mieten, und ich fühlte mich immer ein bisschen schuldig, weil ich als Zugezogene offenbar von Natur aus irgendwie dafür mitverantwortlich war. Ich bezog eine hübsche Zweiraumwohnung in Friedrichshain und zahlte 485 Euro warm, was sich damals unglaublich viel anfühlte. Fast 1000 Mark! Für Miete! In Berlin! Wahnsinn! Im Jahr 2017 wäre das ein absoluter Schleuderpreis, bei dem alle irgendeinen Haken vermuten würden. Paranormale Phänomene im Schlafzimmer? Warmes Wasser nur nach 20 Uhr? Eine hungrige Boa constrictor im Keller? Heutzutage für gebeutelte Mieter kein wirkliches Problem, wenn man denn dafür nur eine bezahlbare Wohnung bekommt.

Der Wohnungsmarkt ist eine Zumutung

Dabei ist das alles eigentlich überhaupt nicht mehr witzig. Der Berliner Wohnungsmarkt ist nichts anderes als eine Zumutung. Ich zum Beispiel bin Mitte 30. Meine Großeltern und meine Eltern waren in diesem Alter schon Eigentümer. Dass ich in Berlin irgendwann mal eine Immobilie besitze, ist ungefähr so wahrscheinlich wie, dass der Wedding tatsächlich mal angesagt sein wird. Es ist einfach alles viel zu teuer, wenn man halbwegs urban leben will. Berlin rühmte sich einst, arm, aber sexy zu sein.

Der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte diesen legendären Satz im Jahr 2003. Vor 14 Jahren! Nun sind wir bald reich und unsexy. Eine gesichtslose Metropole, in der sich nur noch Großverdiener Vier-Zimmer-Wohnungen im Innenstadtbereich kaufen oder mieten können. Tja, aber so ist das eben in der Marktwirtschaft: Rare Güter sind teure Güter. Und in Berlin sind nun einmal Wohnungen rar – ein klassischer Fall von politischem Versagen. Goldgräberstimmung bei raffgierigen Leading Real Estate Companies of the World – absolut kein Wunder.

Falls irgendwelche Immobilienheinis das jetzt lesen: Schickt mir nie, nie wieder eure abstrusen Briefe. Außer, ihr habt eine bezahlbare Vier-Zimmer-Wohnung für eine junge Familie zum Beispiel in Pankow im Angebot. Aber bitte ohne Poltergeist und gefräßige Würgeschlange im Keller.

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