Verliebt in Berlin

Warum Romantik im Berliner Großstadtalltag so wichtig ist

Oft dominieren schlechte Nachrichten – dabei gibt es auch so viel Schönes. Man muss nur genau hinsehen, meint Nina Paulsen.

Öfter mal beimSonnenuntergang mit einem geliebten Menschen den Fernsehturm anhimmeln.

Öfter mal beimSonnenuntergang mit einem geliebten Menschen den Fernsehturm anhimmeln.

Foto: dpa / dpa/DPA

Manchmal überrascht einen im grauen Berliner Alltag rosarote Romantik. Ich stand an der Ampel an der Danziger Straße, gerade hatte ich eingekauft und wollte nun die zwei vollen Tüten nach Hause schleppen. Sind ja nur ein paar Hundert Meter, außerdem war das Wetter schön, weshalb ich beschlossen hatte, zu Fuß zu gehen – was sich wieder einmal als dummer Fehler herausgestellt hatte. So ist das nämlich immer, wenn man nur schnell Milch, Käse und ein Paket Nudeln holen will: Man kommt mit einem Riesenkürbis zurück (war gerade im Angebot), mit drei verschiedenen Sorten Tee (der Winter naht) und einem Monatsvorrat Schokokekse (dafür braucht es keine Rechtfertigung). Also wuchtet man wie ein schwer beladenes Muli seine frisch erstandenen Vorräte nach Hause. Am Ende schmerzen Schultern und Nacken vom schweren Tragen. Milch und Nudeln hat man natürlich vergessen.

An der roten Ampel jedenfalls, an der ich dankbar meine Tüten abstellte, wartete auf der anderen Straßenseite ein junges Paar. Beziehungsweise: Nutzte die Zeit zum ausgiebigen Knutschen. Er und sie, eng umschlungen, innig versunken. Auf der Danziger Straße dröhnte der Verkehr vorbei: Lkw, Motorräder, Autos, pöbelnde Radfahrer. Das alles war ihnen egal. Hach!

Die Welt ist einfach voller Liebe – man muss nur richtig hinsehen. Oft hat man ja das Gefühl, es dominieren Streit und Hass und Fake und Nazis und steigende Mieten. Da ist es manchmal ziemlich schwer, nicht zu vergessen, dass es auch sehr viele positive Dinge gibt – und echte Leidenschaft. Das kuschelig-schöne TV-Duell zwischen Merkel und Schulz war doch zum Beispiel herzerwärmender als jedes Kaminfeuer. Außerdem: Es gibt wieder royalen Nachwuchs bei den Briten. Und eine japanische Prinzessin entsagte jüngst all ihren Titeln, um sich mit einem Bürgerlichen verheiraten zu können. So viel Knistern allein in der ersten Wochenhälfte!

Da geht was in Friedrichsfelde

Überhaupt war Amor, der Gute, zuletzt recht fleißig. Im Tierpark wurden in diesem Sommer innerhalb von einer Woche gleich vier Fohlen der superseltenen und vom Aussterben bedrohten Somali-Wildesel geboren. Da geht was in Friedrichsfelde! Wohingegen das Pandapärchen Meng Meng und Jiao Qing im Zoo noch etwas zurückhaltend in Sachen Romantik ist. Beide liegen viel rum und fressen. Nun ja. So ist das eben in einer langen Beziehung. Bei den touristischen Pflichten der beiden – immer süß aussehen und für Fotos zur Verfügung stehen – ist es schon verständlich, wenn das Liebesleben auf der Strecke bleibt. Wahrscheinlich sinken beide abends todmüde in ihr raschelndes Heubett, geben sich kurz die Tatze und brummen leise gute Nacht.

Zugegeben: Das letzte Mal, als ich an einer roten Ampel geknutscht und dabei die Welt vergessen habe, ist auch schon etwas länger her. Aber gemeinsam essen, chillen und viel schlafen gehören zum ganz großen Luxus, wenn man in einer langen Beziehung ist, da haben Meng Meng und Jiao Qing schon recht. Außerdem wird mir immer ganz blümerant zumute, wenn Single-Freunde aus der Dating-Hölle erzählen. In ihren Geschichten geht es immer nur darum, dass man bei schlechtem Wein über Laktoseintoleranz spricht und so tut, als hätte man den anderen noch nicht ausgiebig auf seinen Social-Media-Profilen gestalkt. Vielleicht macht man später noch rum – aber nicht inmitten des tosenden Verkehrs, sondern zu Hause auf der Couch. Eigentlich kann man ganz froh sein, wenn man mit Mitte 30 bei diesem Zirkus nicht mehr mitspielen muss.

Als die Ampel an der Danziger Straße grün wurde, raffte ich meine Einkäufe zusammen. Und das Pärchen gegenüber? Knutschte weiter. Und weiter. Und weiter. Naja. Es sei ihnen gegönnt. Schlechte Nachrichten gibt es noch genug, allein der herannahende Herbst ist Grund zur Panik. Apropos: Weiß einer, wann es im Supermarkt wieder Schokokekse im Angebot gibt?

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