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Jamaika? Warum Berlin schon lange die Karibik des Ostens ist

Jamaika ist längst da – und liefert erstaunliche Parallelen: Relaxed, laid back und mitunter kompliziert, beobachtet Nina Paulsen.

Ein bisschen Jamaika würde der Hauptstadt guttun, findet unsere Kolumnistin

Ein bisschen Jamaika würde der Hauptstadt guttun, findet unsere Kolumnistin

Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Hurra, die Wahlen haben wir geschafft! Und stehen bundespolitisch jetzt anscheinend vor einer Jamaika-Koalition. Jamaika – das klingt viel besser als die scheußliche "Schwampel", wie ein Bündnis aus Union, Grünen und FDP früher genannt wurde. Jamaika klingt lässig und oberchillig, relaxed und laid back, zumindest vom Namen her kann man nichts gegen Jamaika haben.

Nach diesem freudlosen Wahlergebnis würde uns etwas Sunshine Reggae ganz guttun. "Don't worry, don't hurry, take it easy", wie eine Liedzeile aus dem berühmten Song lautet, finde ich als Botschaft jetzt auch viel sympathischer als #fedidwgugl oder irgendwelche Aktenkoffer- und Schulranzenvergleiche – und besser als dunkelgrüne Krawatten mit gelben Hunden drauf allemal.

Überhaupt, bei genauerem Hinsehen passt Jamaika ganz hervorragend nach Berlin. Wer es nicht wusste: Unsere Stadt wird ja nicht nur wegen wilder Gewässer wie dem Biesdorfer Baggersee auch Karibik des Ostens genannt. Nein, nach diesem Sommer kann auch unsere Tierwelt wegen der Abermillionen Mücken locker mit der jamaikanischen Fauna mithalten. Dass ich erst vergangene Woche eine Riesenspinne (sie war wirklich gigantisch groß, ich schwöre) aus dem Wohnzimmervorhang klauben musste, ist sicher kein Zufall.

Und Strände? Na ja, wer einmal mit Kleinkindern auf einem Spielplatz war und danach Schuhe und Gummistiefel im Treppenhaus ausgeschüttet hat, weiß, dass Berlin sandmengentechnisch durchaus mit Jamaika mithalten kann. Und zu der Sache mit dem Marihuana, das vom Klischee her auch nach Jamaika gehört, muss man eigentlich nur zwei Worte sagen: Görlitzer Park.

Komplex? Ja, das passt

Bei Wikipedia steht, geologisch gesehen gelte die Karibik als einer der komplexesten Orte der Welt. Holla, da klingelt es ja sofort. Wenn auch nicht geologisch – komplex können wir in Berlin längst: Wo sonst muss man anderthalb Jahre auf einen Bürgeramtstermin warten? Wo sonst haben sämtliche Einwohner ihren Führerschein in der wirklich schwierig zu beherrschenden Fahrzeugklasse SEV absolviert? Und wo sonst, frage ich, wo sonst halst man sich nicht nur einen, nein, sondern gleich zwei Problemflughäfen auf, bei denen niemand weiß, was damit einmal passiert? Ding ding ding, Trommelwirbel, tätärätä: in Berlin. Komplex. Ja, das passt.

Werfen wir noch schnell einen Blick auf berühmte Persönlichkeiten Jamaikas. Da wäre zum Beispiel Usain Bolt, der schnellste Mann der Welt. Und ja, schnell sind wir auch in Berlin. Wie jeder weiß, hat man im Nullkommanichts ein Knöllchen unterm Scheibenwischer klemmen, wenn man nur mal fix einen Liter Milch aus dem Supermarkt holen wollte und keine drei Minuten weg war. Oder wenn in der S-Bahn plötzlich ein Sitzplatz frei wird – zack: sofort wieder weg. Selbst versiffte Matratzen, kaputte Röhrenfernseher im Schrankkofferformat und ausgetrocknete Tintenstrahldrucker, die an der Straße abgestellt werden, sind ratzifatzi verschwunden. Usain Bolt hält den aktuellen 100-Meter-Weltrekord mit einer Zeit von 9,58 Sekunden – Berliner Sperrmüll braucht von null auf hundert definitiv nicht so lange.

TXL und BER einfach fluten

Könnte also super laufen mit Jamaika und Berlin. Wenn man sich in den Koalitionsverhandlungen einig werden sollte, bleibt noch, Hauptstadt und Regierungssitz äußerlich etwas herzurichten. Jeder Bezirk sollte verpflichtet werden, künftig ausschließlich Palmen zur Begrünung von Straßen zu pflanzen und Bänke durch Hängematten zu ersetzen.

Aus gut informierten Kreisen hieß es am Dienstag, Angela Merkel habe bereits drei Lkw mit feinstem Sand zum Kanzleramt beordert, um den Vorplatz sofort zum Strand umwandeln zu können. Weil aber Spree und selbst der Biesdorfer Baggersee doch nicht so ganz als Karibikersatz taugen, wird mit dem Koalitionsvertrag auch beschlossen, die Flughäfen TXL und BER mit türkisblauem Wasser zu fluten. Zack, gleich zwei Probleme weniger. So schnell geht das. Und Usain Bolt wird dann Bürgermeister von Berlin.

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