Mein Berlin

Ugg-Boots, Kürbis-Latte und Regen – Herbst, verschone uns

Es liegt in der Luft: Der Sommer geht, der Herbst kommt – und bringt viele unschöne Accessoires nach Berlin, befürchtet Nina Paulsen.

Das bunte Laub ist ja ganz nett. Der Rest allerdings geht gar nicht

Das bunte Laub ist ja ganz nett. Der Rest allerdings geht gar nicht

Foto: Joerg Krauthoefer

Am Anfang dieser Woche hatte ich zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder Socken an. Und festes Schuhwerk. Und eine Jacke. Ganz schön frisch war es am Montagmorgen, man könnte auch sagen: herbstlich. Ich dachte: Oh Gott! Soll das jetzt schon der Sommer gewesen sein?

Schnell einen Blick in den Berliner Wetterbericht. Alles okay, ab Mittwoch soll es wieder schön werden. Allerdings: Zum voraussichtlich letzten Mal, wie Meteorologen warnen. Wie es aussieht, gibt der Sommer in diesen Tagen sein Abschiedskonzert. Schnüff. Also, liebe Freunde, holen wir die Taschentücher heraus.

Das ging schon wieder alles wahnsinnig schnell. Klar, ein paar schöne Tage hatten wir. Aber auch ziemlich viele vollgelaufene Keller und ziemlich viele Mücken. Der Sommer hat noch nicht genug geleistet, um sich jetzt schon vom Acker zu machen, finde ich. Zum Beispiel warte ich immer noch aufs Sommerloch. Die gute alte Saure-Gurken-Zeit, in der wir in der Zeitung über Pro­blemtiere und die Urlaubsreisen der Politiker schreiben können. Oder über einen wahnwitzigen Vorschlag irgendeines CSU-Hinterbänklers im Bundestag, der zum Beispiel eine Fast-Food-Steuer fordert oder eine Zwangsabgabe für die Herrchen dicker Hunde. Ein Sommer ohne Gaga-Politik ist doch kein richtiger Sommer! Zum Glück gibt es ja noch den Twitter-Account von Donald Trump.

Auf "Despacito" folgen melancholische Singer-Songwriter

Apropos gaga: Immerhin haben wir mit "Despacito" bereits unseren obligatorischen Urlaubshit gehabt, der so oft im Radio rauf- und runtergedudelt wurde, dass man ihn wirklich keine Sekunde mehr hören kann und schon nach den ersten Takten völlig kirre wird. Jetzt folgen bald wieder die verträumten Herbstballaden melancholisch-bärtiger Singer-Songwriter mit Karohemd und Gitarre. Man weiß nicht, was am Ende schlimmer ist.

Es fühlt sich an wie früher, als man als Kind nach den Sommerferien in die Schule zurückkehren musste. Sommerferien waren immer eine Zeit der Freiheit und der Leichtigkeit, eine Zeit des ewigen Draußenpielens und des In-den-Tag-Hineinlebens, des Luftschlösserbauens. Das Ferienende war identisch mit dem Ende des Sommers, die harte Realität, oder: der Ernst des Lebens, wie es Eltern so schön nennen, fing wieder an.

Ich finde, der Herbst kann ruhig noch etwas warten. Ich bin noch nicht bereit für den Ernst des Lebens und dieses andere, dunklere, trübere Licht, das in Berlin immer dann entsteht, wenn die Sonne nicht mehr durch die Wolken dringt. In den USA war in der Nacht zu Dienstag Sonnenfinsternis, ein Riesenspektakel. Da kann man als Berliner natürlich nur abwinken. Eine Sonnenfinsternis haben wir mutmaßlich die ganzen nun folgenden sechs oder sieben Monate über, wenn der Sommer sich verabschiedet hat. Was für ein Mist!

Wenn Daunenjacken nach nasser Ente riechen

Ich habe noch keine Lust auf Herbstmode, insbesondere auf die hässlichen Ugg-Boots im Straßenbild. Keine Lust auf übergroße Wollschals, keine Lust auf Lammfelleinlagen in Schuhen und keine Lust auf Mützen. Ich habe erst recht keine Lust auf Kürbis-Latte, dieses absurde Trendgetränk eines jeden Herbstes, das nur noch vom Eggnog-Latte in der Adventszeit übertroffen wird.

Auch nicht auf Daunenjacken, die nach einem Regen in der S-Bahn nach nasser Ente müffeln. Keine Lust auf die immer gleiche nasskalte Siffsuppe, die sich von Herbst bis Frühling über Berlin stülpt und sich dann unser Wetter nennt. Vor allem graut es mir vor gefrorenen Straßen und einem wie immer garantiert stattfindenden Schneechaos bei der Bahn, vor Lebkuchen, Marzipankugeln und Dominosteinen, die es ab September wieder zu kaufen geben wird.

Was kann man also tun, um den Sommer noch ein bisschen zu retten? Natürlich diese letzten warmen Tage genießen. Ein paar Würstchen auf den Grill werfen und haufenweise Cocktails trinken. Dazu legen wir "Despacito" in Endlosschleife auf. Vielleicht ist man dann ja wirklich irgendwann froh, wenn der Sommer vorbei ist.

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