Mein Berlin

Wie die Pizza-Connection nach Berlin kommt

Was geheime Gastronomiekongresse, die Illuminaten und das Verhältnis von Essen und Politik miteinander zu tun haben, sagt Nina Paulsen.

Auch für die Illuminaten ist Pizza ein treffliches Thema

Auch für die Illuminaten ist Pizza ein treffliches Thema

Foto: picture-alliance

Ich saß im ICE Richtung Berlin, ein milchiger Spätsommermorgen rauschte vor dem Fenster vorbei. Mir gegenüber saß ein mittelalter Mann, Typ oberwichtiger Manager, mit gegelten Haaren, jovialem Lächeln und einer Haut, die einen Zweitwohnsitz auf Ibiza verriet. Ein Klischee erfüllte er allerdings nicht: Statt in Brioni oder zumindest poserhaft-lässig in Ralph-Lauren-Polohemd gekleidet zu sein, trug er die sorgfältig gebügelte Uniform eines großen deutschen Pizzalieferanten. T-Shirt, Jacke, Käppi – sogar auf den Schuhen prangte das Logo.

Inständig betete ich, der Mann möge mit seinen manikürten Händen gleich eine saftige Quattro-Stagioni aus seiner glänzenden Aktenledertasche zaubern und mit mir teilen, was dann aber natürlich nicht passierte. Stattdessen holte er Schreibblock und Kugelschreiber hervor (beides ebenfalls im Unternehmenslook), wahrscheinlich um sich irgendwelche hochbrisanten, oberwichtigen Pizzanotizen zu machen. Ständig vi­brierten seine zwei iPhones auf dem Tisch zwischen uns. Hui!

Die Weltspitze der Pizzabäcker

Also, Freunde, halten wir alle die Augen offen: Möglicherweise findet in diesen Tagen ein supergeheimer internationaler Pizzakongress in Berlin statt. Von überall her – so stelle ich mir das jedenfalls vor – kommt die Weltspitze der Pizzabäcker und Lieferdienste zusammen, um über Knusprigkeitsmethoden von Rand und Boden zu fachsimpeln und sich neue Belagskreationen zu überlegen. Quasi als Pizza-Illuminaten besprechen die Teilnehmer, welche Geschmackstrends in den kommenden Jahren über uns hereinbrechen sollen. Ob sich Pizza Birne-Gorgonzola bald durchsetzt? Wann wird die Schoko-Pizza endlich wieder vom Markt genommen? Und welche Strafen drohen den ganzen verweichlichten Pizzarand-Liegen-Lassern?

Das Pizzarand-Liegen-Lassen ist das Turnbeutelvergessen und Bei-schlechtem-Wetter-nicht-zum-Fußball-Gehen der Kulinarik. Insofern sollte man da nicht zu zimperlich sein. Apropos nicht zimperlich: In den USA sah ich im Urlaub einmal die Hotdog-Pizza: Ein mit Ketchup gefülltes Würstchen war in den Rand eingebacken. Ich hoffe, die Illuminaten kümmern sich auch darum. Es heißt ja immer, Geheimbünde organisieren so Dinge wie die Weltherrschaft, Börsenkurse und welche Politiker sie in welche Länder als ihre Marionetten setzen. Ich hoffe, es rückt dort jetzt auch mal die Hotdog-Pizza ins Interesse. Die ist mindestens so verwerflich wie die Raketentests von Kim Jong-un.

Politik und Essen gehören zusammen

Politik und Essen hängen ja sowieso ganz eng miteinander zusammen. Am Wochenende nannte Angela Merkel bei einer Kinderpressekonferenz ihr Lieblingsgericht: Spaghetti Bolognese. Ja. Kann sich jemand wirklich die Kanzlerin beim Spaghetti-Essen vorstellen? Mit einer um den Hals geknoteten Serviette, damit die Soße nicht auf den Blazer kleckst? Bislang dachte ich immer, Königsberger Klopse, Kartoffelsuppe und Grünkohl seien Merkels Favoriten – und jetzt fördert der Wahlkampf plötzlich diese Spaghetti-Sache zutage. Ob das so klug ist? Pasta gilt immerhin auch als Lieblingsgericht von Peer Steinbrück. Und wohin das 2013 geführt hat, wissen wir ja.

Ich bin sowieso froh, wenn der Wahlkampf am Sonntag endlich über die Bühne gebracht ist. Man kann ja keine größere Berliner Straße mehr entlangfahren, ohne dass einem die Spitzenkandidaten in Übergröße ins Auto gucken. Erst heute Morgen auf Spandauer Damm und Otto-Suhr-Allee: gefühlt immer nur Merkel oder das Grünen-Duo Göring-Eckardt/Özdemir im Riesenformat. Die schwarz-grüne Besatzung einer der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt ist das.

Apropos: Zu alten Bonner Zeiten gab es ja mal eine verschworene Runde junger Abgeordneter von Grünen und CDU, die während lauschiger Dinnerabende beim Italiener die Annäherung ihrer Parteien forcierten. Der Name der Gruppe ohne Witz: "Pizza-Connection". Ha! Wer jetzt noch nicht an die Illuminaten glaubt, ist ja wohl selber schuld.

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