Mein Berlin

Wo es den schönsten Sound der Berliner U-Bahn gibt

Jeder kennt es: „Passengers travelling to Schönefeld Airport please change here!“ Es gibt aber bessere Geräusche, findet Nina Paulsen.

Reger Betrieb am Bahnhof Friedrichstraße. Die Berliner U-Bahn hat ihre ganz eigene Geräuschkulisse (Archivbild)

Reger Betrieb am Bahnhof Friedrichstraße. Die Berliner U-Bahn hat ihre ganz eigene Geräuschkulisse (Archivbild)

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Am U-Bahnhof Stadtmitte gibt es einen ziemlich beeindruckenden Akkordeonspieler. Ich steige dort zwar nicht besonders häufig ein, aus oder um. Aber wenn, dann sitzt er immer da vor dem langen Gang, der die Bahnsteige zur U2 und U6 verbindet, und spielt den "Sommer" aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Ein total irres Stück, sehr dramatisch.

Nicht so wie der locker-flockige "Frühling" von Vivaldi, die gefühlte Nummer eins sämtlicher Telefonwarteschleifen. Solche Warteschleifen haben, wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, nur eine Aufgabe: die Leute zu sedieren und sie zum Auflegen zu bewegen, damit die Mitarbeiter im Callcenter weiter Kaffeepause machen können.

Vivaldis wilder "Sommer" ist dagegen aufwühlender. Es gab da mal so eine Parfumwerbung mit dieser Musik: Eine schöne Frau mit wallendem Kleid und langem Haar läuft durch enge italienische Gassen, auf einem Balkon steht ihr Lover und ruft nach ihr. Große Gefühle, Leidenschaft ohne Ende – kaum auszuhalten ist das. Umso mehr fragt man sich, woher der Akkordeonspieler am U-Bahnhof Stadtmitte die Energie nimmt, den ganzen Tag lang so wild und explosiv in die Tasten zu hauen.

Unverkennbar der Sound der Frankfurter Allee

Wobei: Vielleicht ist es ja gar nicht ein einziger Akkordeonspieler, der dort jeden Tag Stellung bezieht. Vielleicht sind es drei Akkordeonspieler, die einen Sieben-Tage-Schichtbetrieb fahren. Einer muss von sechs Uhr morgens bis 14 Uhr nachmittags ran. Dann kommt seine Ablösung und übernimmt den Dienst bis 22 Uhr. Vielleicht gibt es eine Akkordeonspielergewerkschaft, die ein Auge darauf hat, dass die Zeiten und vor allem die Pausen auch eingehalten werden. Jeder, der besagten Akkordeonisten schon einmal gesehen und gehört hat, weiß: Sein Job muss verdammt anstrengend sein.

Ich würde dem Akkordeonspieler eine gute Gewerkschaft zumindest wünschen. Seinetwegen hat der U-Bahnhof Stadtmitte für mich den schönsten Sound von ganz Berlin. Andere U- und S-Bahnhöfe können da nicht mithalten, wobei es auch noch einige andere Schmankerl gibt.

Unverkennbar zum Beispiel der Sound der Frankfurter Allee. Jeder, der hier vorbeifährt, bekommt im Waggon von der immer gleichen Männerstimme zu hören: "Fahrgäste nach Flughafen Schönefeld steigen bitte hier um. Pas­sengers travelling to Schönefeld Airport please change here!" Ich könnte das selbst nach drei Tequila und einer Holzhammernarkose im Schlaf mitsprechen.

Ähnlich wie die Ansage, die an zahlreichen Berliner U-Bahnhöfen ertönt: "Bitte beachten Sie beim Aussteigen die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante. Please mind the gap between platform and train." Oder am Potsdamer Platz, wo eine freundliche Dame immer sagt: "Übergang zum Regionalverkehr und zur S-Bahn." Vor allem in den Abendstunden, wenn es sehr voll ist, kommt beim Ein- und Aussteigen dort noch ein anderer Sound dazu – gebrüllt und mit Alkoholfahne: "Boah ey, seid Ihr alle zu doof, um in den Gang durchzugehen?"

Parfum in Berliner Bahnhöfen versprühen

Wobei das alles nichts im Vergleich zu dem Geruch ist, der dann immer in den Waggon strömt. Das ist ja überhaupt auch ein Charakteristikum der Berliner Bahnhöfe: Jeder hat sein eigenes Odeur. Am Zoo riecht es unten bei der U-Bahn nach Asianudeln, ich bekomme da jedes Mal einen Bärenhunger. Oben bei der S-Bahn ist man mehr im Bereich der menschlichen und tierischen Ausscheidungen, aber näher sollte man darauf nicht eingehen.

Ich plädiere dafür, in Berliner Bahnhöfen Parfum zu versprühen und Hintergrundmusik zu spielen. In der Rushhour Vivaldis "Sommer", damit alle flott zur Arbeit kommen und nicht trödeln. Wer mit Lover unterwegs ist, kann die dramatische Szene aus der Werbung nachspielen. Abends und nachts darf dann der Warteschleifen-"Frühling" dudeln, um die Hitzköpfe zu besänftigen. Und für alle, die den Schönefeld-Umsteigespruch auswendig aufsagen können, gibt es drei Tequila to go.

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