Mein Berlin

Gedanken, die man auf dem Alexanderplatz hat

Immer wieder schlechte Nachrichten vom Alex. Mit bestem Gewissen lässt sich sagen: Es gibt noch so viel mehr, meint Nina Paulsen.

Vorsicht vor der Tram, die immer mitten über den Platz fährt

Vorsicht vor der Tram, die immer mitten über den Platz fährt

Foto: DORIS SPIEKERMANN-KLAAS TSP / picture-alliance

Am Wochenende fuhr ich abends mit der proppevollen U2, als ich neben mir ein interessantes Gespräch mit anhören konnte. Das zählt ja zu den Dingen, die man im Berliner Nahverkehr neben einem unfreiwilligen Sauna-Erlebnis und einer Platzangst-Therapie regelmäßig gratis dazubekommt: Einblicke in das Privatleben anderer Menschen, die aus unerfindlichen Gründen nicht wie alle anderen per Handy miteinander kommunizieren, sondern sich tatsächlich unterhalten.

So auch am vergangenen Freitagabend in einem Waggon, in dem gerade halb Berlin mitzufahren schien: entweder auf dem Weg von der Arbeit nach Hause oder von zu Hause hinein in die Nacht. Eine Gefühlsmelange irgendwo zwischen genervter Erschöpfung und aufgedrehter Euphorie, die da rumpelnd den Berliner Untergrund durchquerte.

Um mich herum jedenfalls standen ein paar Frauen Mitte 40. Offenbar ein Betriebsausflug nach Feierabend, man wollte etwas trinken gehen am Alexanderplatz. Feuchtfröhliche Vorfreude – zumindest bei den meisten: "Die Ilona kommt ja übrigens nicht mit", sagte nämlich eine der Frauen zu den anderen. "Die geht nicht mehr zum Alex. Sie sagt, sie hat da Angst." Oha.

Ja, es stimmt schon, der Alexanderplatz hat sich zuletzt nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Schlägereien, Messerstechereien – gefühlt vergeht keine Woche, in der nicht wieder jemand auf jemanden losgegangen ist. Deshalb soll dort jetzt ein mobiler Kamerawagen herumfahren und eine neue Polizeiwache entstehen – schon sinnvoll.

"Der Fernsehturm. Hach, wie schön!"

Auf der anderen Seite steige ich – wie Zehntausende andere Berliner – dort jeden Tag ein, aus oder um ohne das Gefühl zu haben, mich plötzlich in einer Todeszone zu befinden. Vielmehr geht mir dort immer zuerst der Gedanke "Wieso um alles in der Welt müffelt das bloß schon wieder hier?!" durch den Kopf. Dicht gefolgt von: "Warum stehen hier schon wieder irgendwelche Buden rum?" und vor allem bei gutem Wetter: "Der Fernsehturm. Hach, wie schön!"

Und dann gibt es dort ja noch die ganzen Leute, die etwas von einem wollen. In einer Frequenz, die einen eigentlich davon abhalten, über die Schönheit des Fernsehturms oder gar irgendwelche Gefahren nachzudenken. Ich frage mich immer, wer zum Beispiel diese jungen, hypermotivierten Weltverbesserer in ihren leuchtenden Jacken auf die Menschheit loslässt, die einen überreden wollen, ein zweijähriges Spenden-Abo zur Rettung des kaukasischen Zwerghamsters abzuschließen. Winkend wie ein Fluglotse auf dem Rollfeld stellen sie sich einem mit einem lauten "Heeeeyyy, darf ich Dich mal ganz kurz ansprechen?" in den Weg.

Meistens versuche ich, die Jacken mit einem geschickten Parcours zwischen Brunnen, Buden und Weltzeituhr zu umschiffen. Wobei es passieren kann, dass man dabei einem Filmteam eines privaten Trash-TV-Senders in die Arme läuft, das gerade eine Umfrage zum Thema neuester Selfie-, Unterhosen- oder Trink-Trend durchführt. Hat man hier erfolgreich abgesagt, folgt noch das Nein zum Verkäufer für russische Fellmützen und schließlich selbstverständlich das Ja zur Bratwurst vom Grillrunner.

Vorsicht vor den Primark-Teenies

Dann der ehrfurchtsvolle Blick hoch zum Park Inn, wo sich wieder ein angeleinter Todesmutiger vom Dach stürzt. Doch Vorsicht, dass man beim Zugucken nicht von Teenies und Touris über den Haufen gerannt wird, die gerade aus Primark und der Galeria Kaufhof strömen. Und vor allem: Vorsicht vor den Trams, die immer mitten über den Platz pflügen. Hat man es so weit geschafft, trifft man unter der S-Bahnbrücke garantiert noch einen langhaarigen Singer-Songwriter mit Gitarre, der hofft, durch das Handyvideo eines Zuschauers irgendwann von einem großen Label entdeckt zu werden.

Er könnte seine Millionengagen dann direkt dem kaukasischen Zwerghamster zugutekommen lassen. Das wäre doch mal eine schöne Erfolgsstory. Ilona hätte dann bestimmt auch keine Angst mehr.

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