Ich betrat ein Seifengeschäft, denn ich wollte ein Stück Seife kaufen. Es war vergangene Woche an der Friedrichstraße, ich hatte um 15 Uhr einen Termin und noch ein paar Minuten Zeit. Toll, dachte ich, ein Seifenladen! Dann kann ich noch schnell ein Mitbringsel für eine Freundin besorgen, die ich bald besuchen will. Das gute an einem bunten, gut duftenden Stück Seife ist: Das kann man immer verschenken. Das ist irgendwie so ein Frauending, glaube ich. Männer bringen sich keine Seife mit, wenn sie sich besuchen. Höchstens ein zerknittertes Fußballmagazin. Oder einen Sechserträger Bier. In Sachen Seife ist die Gesellschaft mit dem Gender-Mainstreaming einfach noch nicht so weit.

Im Seifenladen jedenfalls sah ich mir die Seifen an. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine junge Frau mit schwarzer Schürze. „Nein, danke“, sagte ich. „Ich möchte nur fix ein Stück Seife mitnehmen und gucke mich schnell um.“ Die Verkäuferin verschwand. Doch nur zehn Sekunden später stand die nächste schwarze Schürze vor mir. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Ich erklärte von vorn. Und die Verkäuferin: „Aha. Aber wissen Sie denn auch, dass wir gerade neue Badebomben haben?“ Nein, wusste ich nicht. Badebomben sind lustige bunte Kugeln, die sich im Wasser sprudelnd auflösen. Eine Art Whirlpool des kleinen Mannes. Sehr trendy. Toll im Winter. Aber nicht so im Hochsommer, wenn der Bedarf an heißen Bädern ungefähr so hoch ist wie der an Erbensuppe mit Kochwurst als Snack um die Mittagszeit. Das erklärte ich der Verkäuferin. Zen-mäßig ruhig. Satz für Satz. Und dass ich wirklich nur schnell ein Stück Seife kaufen wolle. Ich sah auf die Uhr – ich hatte noch drei Minuten Zeit.

Warum kann ich nicht sein wie Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“?

„Mit unseren Seifen kann man ja auch duschen“, sagte die Verkäuferin dann. Und ich atmete sehr, sehr tief in mich hinein. Warum kann ich nicht sein wie Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“, die ihre Gegenüber mit einem einzigen, kühlen Blick zum ehrfürchtigen Schweigen bringt? Oder wie Uma Thurmann in „Kill Bill“ mit ihrem Superschwert. Sehr angsteinflößend. Stattdessen bin ich nur ich und gucke wegen der Duschsache ziemlich belämmert aus der Wäsche. Was die Verkäuferin zu einem Referat über die Inhaltsstoffe ihrer Seifen animiert. Die „wirklich ganz, ganz toll“ für die Haut seien. Das könne man sich auf den ersten Blick oft gar nicht vorstellen. Das müsse ich unbedingt meiner Freundin sagen, wenn ich ihr die Seife überreiche. Total supi. Duschen, unbedingt damit duschen. Sie hielt mir einen leberwurstgrauen Brocken unter die Nase. „Hier, riechen Sie mal!“

Es war noch schlimmer als im Kaffeeladen, wo man stets auf Englisch beantworten muss, ob man einen Extra-Shot Espresso, Sahne, Karamell-Geschmack oder einfach die große Größe für 50 Cent mehr haben möchte. Was man natürlich nie will, aber irgendwann ja sagt, um den oder die Barista endlich zum Schweigen zu bringen. In meiner Schulzeit habe ich im Alter von 16 und 17 Jahren mal am Drive-in-Schalter einer großen Fast-Food-Kette gearbeitet und musste auch da immer den Kunden irgendwelche Extras aufdrängen: Möchten Sie Käse auf Ihren Burger? Ketchup oder Mayo zu den Pommes? Das ganze als Maxi-Menü für einen Euro mehr? Da kapitulieren die Leute irgendwann. Das ist quasi moderne Kriegsführung an der Fresstheke. Und was soll ich sagen, oft hat es funktioniert. Kein Wunder, dass andere Branchen mittlerweile davon gelernt haben.

Im Seifenladen blieb ich aber standhaft. Beziehungsweise: Ich hatte einfach keine Zeit mehr, den Ausführungen der Tante in der schwarzen Schürze weiter zu folgen. Ich tat das einzig Richtige: Ich floh. Ohne Seife. Und ziemlich in Eile, weil ich pünktlich zu meinem Termin kommen musste. Ich werde mir mit Mitbringseln für Freundinnen künftig weniger Stress machen. Ich bringe zum Besuch jetzt einfach einen Sixpack Bier mit. Und eine DVD von „Der Teufel trägt Prada“. Es gibt noch viel zu lernen.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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