Wenn man Mitte 30 ist, ist es manchmal ganz schön schwer, sich abends mit Freunden zu verabreden. Alle sind so furchtbar erwachsen geworden – mit Kindern, Karriere, Thermomix und einem Tomatengewächshaus in Brandenburg. Keiner hat mehr Zeit, um spontan und möglicherweise leicht angesäuselt um die Häuser zu ziehen. Erbärmlich ist das. Wo sind nur die wilden Zeiten geblieben?
Kumpel Nummer eins zum Beispiel muss morgens immer um 6 Uhr aufstehen, um die Kinder in die Kita zu bringen, und ist ab 21 Uhr müde. Nummer zwei trainiert für den Berlin-Marathon im Herbst und absolviert noch vor der Arbeit seinen Zehn-Kilometer-Intervall-Lauf. Statt Alkohol gibt es abends Pasta und einen Chiasamen-Grünkohl-Shake. Kumpel Nummer drei guckt aktuell die gesamten Staffeln von „Game of Thrones“ durch und geht nur noch zum Rauchen vor die Tür. Ich selbst bin auch nicht frei von Schuld: Erst neulich sagte ich ein Treffen ab, weil es auf der Couch so gemütlich war und im Fernsehen eine Wiederholung von „Jurassic Park“ lief. Wild gewordene Dinosaurier, die alles kurz und klein stampfen – das ist wie Rushhour in Berlin. Nur, dass man bei „Jurassic Park“ von einem Raptor oder T-Rex gefressen wird. Das kommt bei uns zum Glück ja nicht ganz so oft vor.
Aber ach, was sind wir Mittdreißiger langweilig geworden. Während die Generation Golf immerhin noch ihren Hedonismus hat, haben wir, ich nenn uns mal die Generation Sofa, nur noch unsere Smartphones, die Facebook-App und eine Tüte Späti-Chips. Doch kürzlich hatten wir es tatsächlich mal wieder geschafft, uns zu einer Barverabredung zusammenzudoodeln und zusammenzuwhatsappen. Wahnsinnig aufgeregt, mit Augenringen und direktem SMS-Draht zur Babysitterin stolperten wir durch Prenzlauer Berg auf der Suche nach einer schönen, verrauchten, lauten Spelunke mit klebrigem Boden und herzensguten Barkeepern. Eine Höhle, in der man aufpassen muss, dass einem Schweiß und Kondenswasser nicht von der Decke in den Gin Tonic tropfen. Wie sich das eben für eine gute Bar gehört.
Doch beim ersten Laden: eine lange Schlange vor der Tür. Nein, danke. Wenn man Schlange stehen will, stellt man sich bei überteuerten Touristenattraktionen an oder bei Starbucks am Kudamm zur Mittagszeit. Bei der zweiten Kneipe dann: keine Schlange, ungehinderter Zugang. Zwar nicht ganz so verranzt wie erhofft, aber immerhin. Freudig und durstig wollten wir uns an einen Tisch setzen, als wir von einer Mitarbeiterin nach dem Namen für unsere Reservierung gefragt wurden.

Lieber Prenzlauer Berg, so langsam übertreibst du aber. Tische in Bars reservieren zu lassen, ist noch schlimmer als „Jurassic Park“ und Chips. Da wird jedes Berliner Freiheits-Feierabendgefühl im Keim erstickt. Das ist, als müsse man ein Ticket kaufen, um an der Spree einen Sonnenuntergang anzugucken. Oder Spätis, die um 19 Uhr ihre Türen schließen. Wie Sperrstunde. Wie ein Berliner Taxi, das sich in der Tempo-30-Zone an die vorgegebene Geschwindigkeit hält. Wie immer nur vorne im Bus einsteigen und selbst unterwegs noch den Müll nach Bio, Papier und Plastik trennen. Tische in Bars reservieren zu lassen – das gehört sich einfach nicht. Selbst die Generation Sofa braucht mal ein bisschen Unabhängigkeit und Rebellion.
Schließlich fanden wir an besagtem Abend doch noch eine passable Bar, wo wir aber nicht allzu lang blieben. Zu laut, zu verraucht, zu klebrig – und ständig anderer Menschen Ausdünstungen im Getränk. Und das ist dann das Schöne an einem lange herbeigeplanten Treffen mit ständig ihren Verpflichtungen erlegenen Mittdreißigern: Dass man eigentlich keine angesagte Location braucht, um eine gute Zeit zu haben. Am Ende sitzt man mit einem Späti-Radler in irgendeiner Wohnungsküche, redet über die früheren wilden Jahre und fühlt sich sogar wieder ein bisschen jung. Im Hintergrund rappelt leise der Thermomix.


