Es gibt Situationen im Leben, in denen man plötzlich erwacht wie aus einem Dornröschenschlaf. Wenn man zum Beispiel sein ganzes Leben lang dachte, dass Pizza Gorgonzola eklig schmeckt, dann aber versehentlich ein Stück probiert und denkt: Boah, ist das lecker! Dann eröffnet sich einem eine ganz neue Welt. Und viele neue Möglichkeiten, die unser tristes Leben wieder ein bisschen aufregend machen. Wie jeder weiß, kann eine gute Pizza dazu durchaus in der Lage sein.
So ähnlich jedenfalls erging es mir, als wir in der vergangenen Woche aus einem kleinen Familien-Schweden-Urlaub zurückkehrten. Beim Rückflug nach Berlin waren wir aufs Allerschlimmste gefasst. Auf Verspätungen. Auf verschwundene Koffer. Auf Blut, Schweiß und Tränen, um angesichts des immer wieder herrschenden Chaos' in Tegel irgendwie nach Hause zu kommen. Ich hatte schon überlegt, mit Koffern, Kind und Kegel durch den Kattegat zu schwimmen, um es auch ohne Flugzeug irgendwie nach Deutschland zu schaffen. Doch: Es war alles wunderbar. Und nicht nur das. Auf der Rückreise erlebten wir Berlin, wie wir es noch nie erlebt hatten. Zauberschön. Liebreizend. Freundlich.
Es fing damit an, dass unser Flieger fünf Minuten vor der avisierten Zeit cremig-sanft wie flüssiges Karamell im sonnenüberfluteten Tegel aufsetzte. Auf dem Gepäckband, zu dem uns ein angenehm gefüllter und wohltemperierter Flughafenbus umgehend brachte, warteten schon unsere Koffer auf uns und drehten ihre Runden. Zack, raus aus dem Ausgang in die Menschenmasse hinein, die sich vor uns teilte wie einst vor Moses das Meer. Wie auf Schienen glitten wir an den Wartenden vorbei. Oh, du wunderschöne Welt! Vor dem Terminal dann: Die Schlange an der Bushaltestelle für den TXL. Aha, dachte ich, jetzt geht’s ans Eingemachte. Meine sehr verehrten Damen und Herren, holen Sie die Ellenbogen heraus! Doch noch bevor der Bus einfuhr, eilte ein BVG-Mitarbeiter heran und sagte: „Sie da, mit dem Kinderwagen. Steigen Sie gleich mal zuerst ein, ich kümmere mich darum!“ Und so geschah es. Mit seinen breiten Schultern hielt er die Touristenmeute zurück, sodass wir in aller Ruhe in den Bus klettern konnten. „Danke!“, riefen wir dem BVG-Mann zu. „Gern geschehen!“, rief er zurück.
Eine mysteriöse Parallelwelt voller freundlicher Menschen?
Was war nur in unserer Abwesenheit mit Berlin passiert? Hatte uns der Flieger in eine mysteriöse Parallelwelt voller freundlicher Menschen gebracht? Man hat in Berlin sonst ja oft das Gefühl, die Stadt habe sich gegen einen verschworen. Busse und Bahnen kommen zu spät oder fahren in dem Moment ab, in dem man sie fast noch erwischt hätte. Schlecht gelaunte Menschen brüllen sich ständig irgendetwas zu, weil direkt neben ihnen Motoren röhren, Hupen hupen und wieder irgendwo ein Hubschrauber landet, der Sound der Großstadt halt. Und wenn man sowieso schon spät dran ist, hält bei der S-Bahn irgendeine Weichenstörung den ganzen Betrieb auf. Und dann Regen, ständig Regen, auch wenn eigentlich Hochsommer ist. Kein Wunder, wenn einige Leute da gnatzig werden. Doch bei unserer Rückreise: keine Spur davon. Beim Umstieg auf die Ringbahn ließ uns eine Radfahrerin den Vortritt beim Fahrstuhl, unten angekommen fuhr sofort die richtige S-Bahn vor und als wir nach Hause kamen, waren noch nicht einmal die Balkonpflanzen vertrocknet. Schon merkwürdig. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen...

Was kommt als Nächstes? Eine plötzliche Gehaltserhöhung bei der Arbeit? Dass mein Fahrrad nicht geklaut wird, wenn ich es das nächste Mal versehentlich draußen parke, statt es in den Innenhof zu schieben? Dass die Straße des 17. Juni ein Jahr komplett ohne Sperrung bleibt und ich in der nächsten Woche spontan einen Termin für einen neuen Reisepass bekomme? Ist das Leben etwa doch ein Ponyhof? Unheimlich. Erst mal schnell ‘ne Pizza Gorgonzola essen.
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