Bei Penny gibt’s gerade Einhornwasser. Kann man auf großen Plakaten sehen, die überall in Berlin hängen. Einhornwasser, was das wohl sein mag? Nun. Mineralwasser. Nur, dass auf der Flasche ein buntes Etikett klebt. Auf dem – Überraschung, Trommelwirbel – „Einhorn Wasser“ steht.
Mit dem Einzug in die Discounter ist die letzte Eskalationsstufe in der Einhorn-Causa erreicht. Schon vor zwei Jahren ging es los, in den Spielzeugläden der Stadt. Überall Einhörner, aus Plüsch, aus Plastik, zum Ausmalen, zum Frisieren. Ein Kleinmädchentraum in Weiß und Rosa, idealerweise mit ganz viel Glitzer dazu. Ein Kinderzimmertrend. Kein Problem, denn das gab es immer schon. Sticker waren es in meiner Grundschulzeit. Welche aus Stoff oder Kork waren besonders wertvoll, danach sammelten wir Schnuller aus Plastik, dann Trolle mit quietschbunten Haaren. Diddlmäuse kamen irgendwann später, Prinzessin Lillifee lange danach. Die Trends kamen, Trends gingen. So ist der Lauf der Marketingwelt.
Nur die Einhörner hebeln irgendwie alle Regeln aus. Offenbar sind sie ziemlich renitente Viecher – vor allem aber haben sie irgendwann den Sprung aus der Kinder- in die Erwachsenenwelt geschafft. Und Berlin, dieser 365-Tage-24/7-Spielplatz, war besonders empfänglich dafür. Vom Mauerpark-Flohmarkt über die Kiezläden in Kreuzberg bis nach Spandau und Marzahn: Einhörner auf Jutebeuteln, Einhörner auf T-Shirts, Einhorn-Ketten, Einhorn-Kondome, aufblasbare Einhörner – die Kreativität rund um die rosa-weißen Vierbeiner ist explodiert. Man munkelt, in Tattoo-Studios sei es zu tragischen Szenen gekommen, als scharenweise Hipster vergeblich versuchten, ihre Dreiecks- und Anker-Tattoos zum Einhorn ummodeln zu lassen. Sie mussten ihren Kummer dann in rosa Einhorn-Likör versenken. Ja, auch diesen gibt es mittlerweile im Supermarkt. Sich aus Frust an Einhorn-Käse zu überfressen hätte ich irgendwie kreativer gefunden.
Liebe einhornisierte Erwachsene, ihr habt euch damit echt vergaloppiert. Klar, es macht Spaß, sich zum Beispiel zum Fasching zu verkleiden oder auch einfach, sich und das Leben nicht allzu ernst zu nehmen. Aber seit vielen, vielen Monaten nun ist das Einhorn Teil eures Alltags geworden. Das ist nicht cool. Das ist nicht trendy. Das ist albern. Einhörner sind im Kinderzimmer oder im Fernsehen schön und gut. Nicht aber im Kühlschrank (Einhorn-Bratwurst, Einhorn-Schokolade, Einhorn-Milch), im Badezimmer (Einhorn-Klopapier, Einhorn-Duschgel, Einhorn-Lotion) oder am Haustier (aufblasbares Einhorn, das man Katzen aufsetzen kann). Der Begriff „Einhorn Pups“ ist wegen euch mittlerweile eine eingetragene Marke geworden. So weit ist es schon. Man fragt sich: Was muss noch passieren? Dass die Pferde der Quadriga auf dem Brandenburger Tor ein Horn auf die Stirn gesetzt bekommen? Müssen wir den Fernsehturm rosa anmalen? Oder die Busse der BVG beim Anfahren Glitzerflitter aus ihrem Auspuff blasen?
In meiner Kindheit gab es einen tollen Film: „Das letzte Einhorn“. Das Einhorn darin war ein scheues, zauberhaftes Wesen. Vor der Invasion in die Discounter war es ein Tier der Träume, etwas Übersinnlich-Wunderbares, Stoff für Märchen und Fabeln. „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ – diesen abgegriffenen Motivationsspruch habt ihr Einhornfans nun aber irgendwie zu wörtlich genommen. Kauft euch einen Unicorn-Latte und denkt mal in Ruhe darüber nach. Außerdem: Die anderen Tiere wollen auch mal an die Reihe kommen. In Berlin ist ja die Pandamanie ausgebrochen, rund um den Zoo ist die Welt eigentlich nur noch schwarz-weiß. Los, liebe Marketingstrategen, denkt euch schnell ein paar Trendprodukte aus. Wo sind die Panda-Jutebeutel und -Tattoos, wo die Panda-Leberwurst und wo das Panda-Aftershave? Das würde ich vielleicht auch kaufen. Aber nur so lange, wie es kein Panda-Wasser beim Discounter gibt.

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