Neulich schrieb ich an dieser Stelle, wie sehr ich einen Berlin-Knigge für Touristen herbeisehne. Also, offiziell niedergeschriebenen Regeln, die den Besuchern in unserer Stadt sagen, dass man zum Beispiel nur rechts auf der Rolltreppe stehen bleibt und in der vollen S-Bahn bis in den Gang durchgeht. Solche Sachen. Eine Leserin schrieb mir danach, sie wünsche sich außerdem einen Touri-Knigge für die Nacht – denn dann „hätten wa dit ooch vollständig“. Nach etwas Nachdenken muss ich sagen: Die Leserin hat Recht.

Denn eigentlich kann auch ich ein Lied von den entsprechenden Problemen singen. Ich wohne nahe der Kulturbrauerei am U-Bahnhof Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg. Es ist ja an sich schon bemerkenswert, wie sehr die Ecke Schönhauser in den vergangenen Jahren eine, ich nenne es mal „Warschauerstraßisierung“ hinter sich hat. Denn wie an der Warschauer Straße in Friedrichshain hängen hier immer mehr Straßenmusiker, Betrunkene, Feierwütige, Szenesuchende, Grasverkäufer und vor allem minderjährige Hostel-Teenies ab, die mal so richtig was erleben wollen. In den Nächten strömen sie dann in die Wohnstraßen, um in den Bars im Kiez abzustürzen. Und wecken damit so manches Mal ganze Hausgemeinschaften auf.

Der Gröler röhrt „Schlalalaaaaaa“ durch die Straßenschlucht

Besonders nervig: der Gröler. Er hatte zu viel schlechten Cuba Libre und schwankt wie ein Katamaran auf hoher See über das Kopfsteinpflaster. Mit Reibeisenstimme, immerhin ist es vier Uhr morgens und er hat seit drei Schachteln Kette geraucht, röhrt er ein ohrenbetäubendes „Schalalalaaaaaaa“ durch die Straßenschlucht. Er sucht die Tramhaltestelle, hat aber keine Ahnung, wo er eigentlich ist und in seinem Handy ist nur der Stadtplan von Breckerfeld. Er klingelt an beliebigen Türen, mehrmals. Der Gröler ist übrigens immer ein Mann. Betrunkene Frauen singen dagegen – aber ausschließlich im Chor.

Apropos Männer und Frauen: Nichts ist schöner als ein Beziehungsstreit mit Promille im Blut. Er schreit, sie schreit, er heult, sie heult, am Ende gehen beide getrennt auseinander oder schwören sich ewige Treue und knutschen dann. Das alles natürlich so laut, dass der gesamte Bezirk senkrecht im Bett steht und Zeuge dieses unglückseligen Zwists wird. Natürlich hat keiner vorher an Popcorn gedacht.

Die wichtigste Regel für den Nacht-Knigge: Klappe halten

Also, liebe Partytouristen, hier kommt die wichtigste Regel für den Nacht-Knigge: Klappe halten. Oder zumindest leiser streiten, außer, ihr habt einen Snack für uns dabei. Wobei man sagen muss, dass auch Berliner laut sein können. Zum Beispiel dann, wenn sie gegen 23.30 Uhr mit ihrem Wagen mit wummernden Bässen vorfahren und zwölf Mal laut hupen, damit die Kumpels aus dem Haus kommen. Die Kumpels haben natürlich ebenfalls laute Musik an und hören deshalb nichts. Es wird weitere zwölf Mal gehupt. Sollte irgendwo ein Kind geschlafen haben, steht es jetzt mit großen Augen in der Schlafzimmertür der Eltern und fragt, ob die Außerirdischen irgendwo gelandet sind.

Den Besuch gewisser anderer Feiernder wiederum erkennt man erst am nächsten Morgen beim Brötchenholen: Wenn ein halb aufgegessener Döner im Fahrradkorb liegt. Oh, und ein besonderer Gruß ist immer Erbrochenes vor dem Hauseingang. Über zerbrochene Wodkaflaschen oder ganze Weingläser auf dem Bürgersteig sieht man mittlerweile ja galant hinweg.

Unsere Spätis sind uns heilig

Das Gleiche gilt übrigens für öffentliche Verkehrsmittel. In Berlin haben wir eine besondere Beziehung zu unseren Trams, Bussen und Bahnen – und wenn ihr sie mit Essen oder anderen ekligen Dingen beschmutzt, finden wir das echt nicht gut. Und die allerwichtigste Lektion: Wenn ihr, liebe Touristen, euch im Späti noch einen Absacker kauft, benehmt euch gefälligst gut. Unsere Spätis sind uns heilig. Also keep calm and show respect!

So, ich denke, das sollte fürs Erste genügen. Das muss man sich ja auch erst mal alles merken. Immerhin: Nun hamwa dit vollständig. Prima, oder?

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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