Vor mir in der Schlange steht ein Japaner und legt Schokoladen-Katzenzungen auf das Band. Schachtel um Schachtel, fast 50 Stück, holt er aus seinem Einkaufswagen und türmt sie vor der Kasse auf. Tausende Kalorien, eingepackt in ein Design aus getigerten Flauschekätzchen und goldener Schrift, das schokoladegewordene Pendant zur Schrankwand in Eiche Rustikal. Was für ein schönes Souvenir, das der Japaner da für seine Lieben in der Heimat ausgesucht hat. Aber wer weiß: Vielleicht isst er die Dinger auch alle selbst.
Ein ganz normaler Tag im Ullrich-Supermarkt am Bahnhof Zoo. Hier kauft die ganze Welt ein, wenn sie zu Gast in der Hauptstadt ist – und hier kauft gefühlt auch ganz Berlin. In der Schlange stehen reiche Menschen, arme Menschen, seltsame Menschen, Familien, Hipster, Büroleute, Bauarbeiter, Junkies, Alkis, Senioren mit Rollator – und eben japanische Touristen mit zentnerweise Katzenzungen.
Ein hervorragender Ort für Gesellschaftsstudien, ein Menschenzoo, eingeklemmt zwischen der S-Bahn, Motel One und einer Riesenbaustelle, wo früher Beate Uhse war. Würde man Aliens Berlin erklären wollen, man müsste sie einfach einen Tag bei Ullrich absetzen. Vor der Tür an der Kantstraße gibt es ein kleines Obdachlosencamp – in zweiter Reihe davor parken die SUV. Oben rattern Züge übers Dach.

Ein Mikrokosmos mitten in der Stadt
Der Markt ist wie ein Mikrokosmos mitten in der Stadt. Drinnen ist egal, ob es draußen hell oder dunkel ist, ob 7 Uhr morgens oder 23 Uhr in der Nacht. Zeit ist irrelevant. Der Tag auch, wenn nicht gerade Sonntag ist, denn dann sind die Schlangen an den Kassen meistens viele Meter lang. An den Pfandautomaten, die jetzt am Eingang zur Kantstraße stehen, ist aber immer etwas los. Wer von dort aus in den Markt oder zu den Kassen will, muss erst einmal an Sternburg- und Pilsatorkisten vorbei, Zufall ist das wohl eher nicht. Viele kommen hierher, um sich mit ihrem Pfandgeld ein Bier zu kaufen – ob es das letzte der Nacht oder das erste des Tages ist, ist dabei meist egal. „Wie ist das Wetter draußen?“, hat mich der Mann an der Kasse gestern gefragt. Durch die Glastüren kann er kaum etwas sehen – die S-Bahnbrücke, unter der der Supermarkt liegt, schirmt den Himmel ab.
Vielleicht stört sich deshalb niemand daran, dass es vor beiden Ausgängen des Marktes eher unschön ist. An der Hardenbergstraße stinkt es ebenso wie an der Kantstraße nach nassem Hund, Müll und Urin. Wenn die Sonne scheint, ist es schlimm. Bei Regen noch viel mehr. „Guten Morgen, Berlin, du kannst so hässlich sein“, sang einst ja Peter Fox. Vielleicht hat er diese Zeile genau hier erdacht. Bevor jetzt jemand „Schleichwerbung“ schreit: Keine Angst – es gibt natürlich auch viele andere versiffte Supermärkte mit sonderbarem Publikum in Berlin.

Zwischen Billigschnaps und Schampus
Man kann seltsame Dinge sehen, drinnen, in Ullrichs endlos langen Gängen: Bunte Ostereier im Juni, Kumquats, Riesenschnitzel, Billigschnaps und Schampus, Dom Perignon, die Flasche zu 289 Euro. Es gibt einen Cognac, mehr Wert als ein durchschnittliches Monatsgehalt. Es gibt Menschen, die einen kräftigen Schluck aus einer Colaflasche nehmen und diese dann zuschrauben und ins Regal zurückstellen. Menschen, die eine Dose Thunfisch in ihre Manteltasche stecken, aber ansonsten den Rest ihres Einkaufs anstandslos aufs Kassenband legen. Menschen, die eine Packung Schwarzbrot mit einem 500-Euro-Schein bezahlen.
Neuerdings gibt es auch eine Art Gästebuch am Eingang. „Ihre Ideen und Wünsche“ steht darüber, und einige Berliner haben schon etwas eingetragen: Freibier, natürlich, der Mensch kann aus seiner Haut nicht raus. Freijoghurt wird auch gefordert, na gut, warum nicht. Ein Reistag. Hä? Und: Club Mate Ice Tea (gekühlt), da war wahrscheinlich jemand aus Prenzlauer Berg oder Neukölln zu Besuch. Ich schreibe bald auch etwas hinein: Lieber Ullrich, bleib, wie du bist. Und bitte, bitte: Nimm bloß nie die Katzenzungen aus dem Regal.

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