Ende August sind wir zu einer Hochzeit eingeladen. Es ist bislang die einzige Hochzeit, zu der wir in diesem Jahr gehen werden, und das hat mich zum Nachdenken gebracht: Mittlerweile sind eigentlich alle unsere Freunde unter der Haube. Oder notorische Dauersingles, die sich mit Mitte 30 lieber noch nicht fest binden wollen, und stattdessen eine Beziehung zur Berliner Clubszene pflegen – und zu ihrem Instagram-Account.

Eigentlich finde ich das alles ganz gut so. Denn weniger Hochzeiten heißt auch: weniger Junggesellenabschiede. Das ist ja immer ein ziemlich schmaler Grat, auf dem man da balanciert: Zwischen stilvollem Amüsement für alle – und einem epischen und zugleich würdelosen Besäufnis, nach dem nur diejenigen glücklich sind, die sich an nichts mehr erinnern können. Und bei dem sich Ehemann/-frau in spe dermaßen zum Löffel machen musste, dass er/sie sich nun eigentlich nirgendwo mehr blicken lassen kann. In den meisten Fällen, das weiß jeder, der in Berlin mit offenen Augen durch die Straßen geht, wird der schmale Grat ziemlich schnell in Richtung Alkohol und Peinlichkeit verlassen.

Am Wochenende etwa fuhren wir mit dem Zug. Mit im Waggon: Kirmestechno und ein gutes Dutzend johlender Frauen aus der brandenburgischen Tiefebene auf dem Weg in die große Stadt. Mit grellpinken T-Shirts und Krönchen auf dem Kopf, unfassbar kreativ. Die Braut trug einen roten Königsumhang und eine Perücke mit der Frisur von, so, und jetzt alle mal festhalten: Jürgen Drews. Entschuldigung, aber wenn wir in diesem Regionalzug Handynetz gehabt hätten, hätte ganz schnell das Jahr 2000 angerufen, um seine Requisiten zurückzuverlangen. „Das Motto ist Ballermann“, krähte eine der Partyfrauen dann auch, als ein älterer Herr sich dezent an dem auf dem Boden sitzenden König Drews und dem davor aufgebauten Sangriaeimer mit Riesenstrohhalmen vorbeischob. Und dann: „Vamos a la Playa!“ Nun. Vamos direkt in die Hölle hieß es für alle anderen im Zug.

Schlimmer war es später am Berliner Hauptbahnhof. Auf der mittleren Ebene spielte ein Spielmannszug auf einer kleinen Bühne. Als das Lied zu Ende war, stellte sich eine Gruppe junger Männer dazu, einer von ihnen in einem orangefarbenen Ganzkörperanzug, man dachte unfreiwillig an Guantánamo. „Du wirst also bald in Ketten gelegt“, stellte der Moderator der kleinen Bühne durch sein Mikrofon fest. Der Typ in Orange stellte sich als Tim vor, bald würde er heiraten, dies sei sein Junggesellenabschied. Seine Kumpels – einer mit Jägermeister-Rucksack, einer mit Heineken-Rucksack, einer mit Jack-Daniels-Rucksack – standen grölend vor der kleinen Bühne, denn Tim musste jetzt dort mit den Spielmannszug singen. „Über den Wolken“ von Reinhard Mey.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

„Mach was du willst, ich gehe jetzt“, raunzte meine bessere Hälfte zu mir. „Das kann ich wirklich nicht ertragen.“ Nun. Ich konnte. Die Augen suchend Richtung Glasdach gerichtet sah Tim beim Singen aus, als hoffe er auf himmlische Rettung, einen kosmischen Lichtstrahl vielleicht, der ihn für immer hier wegbeamen möge. Doch keine Chance. Fast kann man verstehen, wenn jemand solche Aktionen nur mit sehr, sehr viel Alkohol meistert. Immerhin haben auch völlig unbeteiligte Menschen Tim mit ihren Handys gefilmt. Sein Auftritt gerät also nie in Vergessenheit.

Glück im Unglück: Tim musste kein Ballerina-Tutu tragen, das ist ja bei Junggesellenabschieden von Männern sonst der Klassiker. Dazu ein Bauchladen, aus dem kleine Schnäpse und Kondome (höhö) für einen Euro verkauft werden. Irgendjemand trägt auch immer eine Gummipuppe unter dem Arm (noch mal höhö). Dann zieht man über den Simon-Dach-Kiez, erbricht sich irgendwann ins Gebüsch und freut sich am Ende doch, mal so richtig in Berlin unterwegs gewesen zu sein.

Ich weiß nicht, vielleicht lässt man das mit dem Heiraten am besten bleiben. Besser eine Beziehung mit Insta­gram als Krönchen und Ballerina-Tutu.