Kürzlich stieß ich in der „New York Times“ auf einen Artikel, in dem beschrieben wurde, wie man als New Yorker am besten seinen Balkon oder seine Dachterrasse wohnlich gestaltet. Tolle Fotos wurden da gezeigt von ausladenden Lounge-Möbeln aus Rattan, von Esstischen aus Teakholz und großen Sonnensegeln, unter denen entspannte Menschen mit entspannten Kindern ihr urbanes, schattiges Leben genießen.

Toll, dieses New York, dachte ich. Der durchschnittliche Berliner Balkon wäre ja mit auch nur einem einzigen Rattansessel hoffnungslos überfüllt. Hier in der Stadt ist der Balkon quasi die moderne Outdoor-Variante der Legebatterie: winzig, umgittert und jeder, der dort nicht nur stehen, sondern vielleicht sogar sitzen kann, ist ein glücklicher Mensch. Gerade jetzt, wenn es Sommer ist. Viel Spielraum zum wohnlich gestalten bleibt da nicht. Ein Klapptisch, zwei Klappstühle – fertig ist das Berlin Balcony Life.

Trotzdem hat der Berliner ja eine ganz eigene Beziehung zu seinem Balkon. In einem Fußballsommer wie diesem wird der Balkon hier und da mit Deutschlandflaggen behängt. Wer nicht so darauf steht, tüddelt wenigstens eine dieser solarbetriebenen Lampion-Lichterketten an das Geländer, die nach spätestens drei Regenschauern fröhlich vor sich hingammeln. Zu allen übrigen Jahreszeiten ist der Berliner Balkon ein prima Ort, um dort Bierkisten zu lagern. Und um Zigarettenkippen in jenes braune Gestrüpp zu drücken, das von Mai bis August eine bunte Auswahl von Baumarkt-Balkonblumen war, die man selbstverständlich allein nach Farbe ausgesucht hat – und nicht danach, ob sie eher Sonne, Schatten oder sonnigen Halbschatten benötigen.

Das mit dem Pflanzen ist auf Balkonen ja sowieso so eine Sache. Wir machen das auch jedes Jahr, immer dann, wenn die größte Kälte vorbei ist und man keine Angst mehr haben muss, dass ein etwas zu kräftiger Wind die zarten Frühlingsboten auf die Straße herunterweht. Einen Tag lang wühlt man dann in der Erde, von der ein Großteil natürlich nicht in den Balkonkästen, sondern auf dem Boden landet – ist hinterher aber stolz wie Oskar, weil man sieht, was man geschaffen hat. So muss sich Gott am siebten Tag gefühlt haben. Okay, zumindest ein bisschen.

Eine Zeit lang sieht das dann richtig schön aus – so lange, bis man vergisst, das Blütenmeer jeden zweiten Tag zu gießen. Andere Menschen sind deutlich aktiver – und mieten sich als Ersatz einen Garten in Brandenburg oder einen Acker in Spandau. Das ist schon toll, Freunde von mir haben da eine richtige Leidenschaft entwickelt und züchten dort historische Gemüsesorten. Die Blauwschokker Palerbse zum Beispiel, die Wilhelmsburger Kohlrübe, den Roten Butterhäuptel oder die Freilandgurke Tanja. Klingt wie bei Loriot, soll aber lecker sein. Taubtrüber Ginst am Musenhain – kraweel!

Vorteil einer eigenen Gartenparzelle ist auch: Man hat etwas mehr Privatsphäre. Bei uns in der Straße sind alle Balkone komplett einsichtig – wegen der gusseisernen Geländer auch von unten. Was manchmal problematisch ist. Denn irgendwie ist ein Balkon ja so etwas die Verlängerung des Wohnzimmers nach draußen – also eines privaten Raumes in die Öffentlichkeit. Das Verhalten der Menschen ist entsprechend. Mein einer Nachbar gegenüber zum Beispiel steht gern in Unterhose draußen zum Telefonieren. Ich wiederum bin einmal morgens im Nachthemd mit meiner Zahnbürste auf den Balkon getappt und habe mich wahnsinnig erschrocken, als mich nur drei Meter entfernt mein Nachbar nebenan von seinem Balkon freundlich grüßte.

Schade, dass die „New York Times“ dazu keine Tipps parat hat. Vielleicht finde ich ja ein historisches Gemüse, dass ich als Sichtschutz pflanzen kann – die Tomate zum Beispiel soll bis zu zwei Meter hoch werden können. Das mache ich aber nur, wenn die Sorte dann auch einen lustigen Namen hat.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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