Bananen. Piep. Milch. Piep. Waschpulver. Piep. „Macht dann 27,12 Euro“, sagt der junge Mann an der Kasse. „Sammeln Sie unsere Treueherzen?“ Wieder einer dieser Momente, in denen die Augen automatisch Richtung Supermarktdecke rollen – und in denen man sich ein gequält freundliches „Nein, danke“ abringen muss. Wirklich, ich möchte keine Treueherzen, seit Jahren nicht. Ich möchte einfach nur hier einkaufen.
Das mit den Treueherzen scheint ein besonderer Fetisch zu sein. Nicht nur in besagtem Supermarkt, das System gibt es ja überall im Berliner Einzelhandel: Kaufe etwas und du bekommst eine Belohnung. Einen Aufkleber in ein Heftchen, einen Stempel auf eine Karte, einen Punkt auf deinem Punktekonto, zehn Prozent Rabatt auf Bockwürstchen beim nächsten Mal. Toll. Kann man wieder richtig sparen. Auch wenn man überhaupt keine Bockwürstchen mag.
Vier Kunden- sowie neun Bonuskarten
Ich habe nachgeschaut und trage tatsächlich auch vier Kunden- sowie neun Bonuskarten für Berliner Geschäfte in meinem Portemonnaie herum. Neun! Die meisten für Kaffee und Smoothies, andere für Schuhreparaturen, einen Friseur, ausgeliehene DVDs und Klamotten. Das ist doch Wahnsinn. Zumal ich immer vergesse, die Karten am Ende vorzuzeigen und mir damit schon diverse Freikaffees und -haarschnitte, -absatzreparaturen und -säfte durch die Lappen gegangen sind. Dass ich so stolz auf die Treueherzen verzichte, ist wohl eher ein Akt ziemlich unnützer und verzweifelter Rebellion.
Noch schlimmer sind aber Gutscheine – weil sie einen subtil unter Druck setzen. Was macht man mit einem Zehneurogutschein der Deutschen Bahn, der in zwei Tagen abläuft? Es gibt nur zwei Optionen, und beide sind sinnlos: Man bucht entweder eine Fahrt, die man nicht braucht – oder lässt den Gutschein verfallen. Und hat dann quasi Geld verbrannt. Klar, zehn Euro sind nicht die Welt. Aber umgerechnet sind das 20 Mark! Dafür konnte man 1990 noch einen VW-Polo volltanken. Oder mit der ganzen Familie in den Zoo gehen. Das muss man sich mal vor Augen halten. Zum Beispiel auch, wenn man sich wieder mal am Kudamm einen fluffigen Karamell-Macchiato to go für umgerechnet elf Mark gekauft hat. Oder eine Kugel Eis für mehr als fünf Mark. Aber das ist ein anderes Thema.
Kleine fiese Botschaften aus der Hölle
Gutscheine sind im Grunde nichts anderes als kleine fiese Botschaften aus der Hölle. Weil man dadurch mehr Ärger als Nutzen hat. Man wird unfrei aus dem Gefühl heraus, diesen Gutschein einlösen zu müssen – und man das Geld ansonsten ja auch in den Müll schmeißen könnte. Das wiederum verleitet einen zu absurdesten Dingen, die man sonst nie getan hätte. Zum Beispiel extra zu Ikea nach Lichtenberg fahren, nur weil man von dort noch einen Gutschein für einen kleinen schwarzen Kaffee hat. Oder auf der Autobahnraststätte mit dem 50-Cent-Sanifair-Toilettengutschein ein Bounty für zwei Euro anzuzahlen, über das man sich im Nachhinein wegen der Kalorien ärgert.
Eine Freundin von mir belastet derzeit ein Gutschein für eine Fisch-Fußpflege in Prenzlauer Berg. Also eine Pediküre, bei der kleine Barben einem die Hornhaut von den Fersen knabbern. Sie wohnt in Lichterfelde und bräuchte eine gute Stunde in besagtes Fisch-Spa, um sich dort für 30 Minuten beknabbern zu lassen. Insgesamt handelt es sich mit Hin- und Rückweg und allem Drum und Dran um einen Ausflug, für den ein halber Tag draufgeht – das geht nur am Wochenende. Am Wochenende möchte sie ihre Zeit aber lieber anders verbringen und ist auch sonst nicht so der Fischfuß-Typ. Also bleibt der Gutschein liegen.
Ich verstehe das Dilemma, ich habe noch einen Gutschein für einmal Segway-Fahren in Berlin. Mir war bislang aber noch nicht nach Segway-Fahren zumute. Und ich bezweifle, dass es jemals so sein wird. Aber wer weiß: Vielleicht gibt es ja auch eine Bonuskarte. Bei 73 Fahrten ist eine umsonst. Und wenn Sie zehn dieser Kolumnen gelesen haben, gibt’s nächstes Mal eine Bockwurst dazu.

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