Neulich, eine bierselige Runde in einer Kneipe, Freunde und Freunde von Freunden sitzen um einen Tisch herum. „Und wo wohnt ihr?“, fragt mich mein Gegenüber und ich schlucke kurz.

„Pankow“, sage ich dann. „Und wo genau?“ Ich stocke. Und nuschle ein verwaschenes „Prenzlauer Berg“ in mein Glas hinein.

Ja, ich habe mich in letzter Zeit immer wieder dabei ertappt, meinen Ortsteil irgendwie peinlich zu finden. Gar nicht, weil ich nicht gern dort lebe, sondern weil er mit so vielen unangenehmen Zuschreibungen behaftet ist. Bionade-Biedermeier, Schwaben, horrende Mieten und das ganze Soja-Latte-Blabla. „Aha, also im Zugezogenen-Getto“, sagt mein Gegenüber dann auch grinsend. „War ja klar.“

Nirgendwo so viel Hass und Häme wie in Berlin

Echt jetzt? So langsam kann ich das alles nicht mehr hören. Ja, ich bin Zugezogene oder auch Wahl-Berlinerin, wie es so schön heißt. Und allein für diese Tatsache muss ich mich seit geschlagenen acht Jahren bei manchen „echten“ Berlinern entschuldigen.

In Hamburg, wo ich herkomme, gibt es auch viele Zugezogene – aber noch nie habe ich erlebt, dass ihnen so viel Hass und Häme entgegenschlägt wie hier.

Das Ding ist ja: Ur-Berlinern und Lokalpatrioten wie an jenem Kneipenabend kann man es ohnehin nicht recht machen. Hätte ich gesagt, ich würde in Lichtenberg wohnen, hätte es geheißen: „Lichtenberg? Aha! Ist ja auch längst das neue Prenzlauer Berg.“

Ungefähr so, wie Moabit das neue Neukölln und Wedding das neue Friedrichshain sein sollen. Manchmal sind aber auch Schöneberg, Gesundbrunnen oder Treptow das neue Friedrichshain – das kommt immer darauf an, über wen oder was es gerade zu meckern gilt. Reinickendorf und Weißensee sind übrigens auch das neue Prenzlauer Berg – nur, falls es hier zu Missverständnissen kommt.

Zugezogene sind an allem Schuld

Man kann das als Zugezogener, der für diese Entwicklung selbstverständlich hauptverantwortlich ist, gar nicht mehr so richtig ernst nehmen. Ebenso wenig wie die immer gleichen Behauptungen und Klischees, die auch vier Jahre nach dem sogenannten „Spätzle-Krieg“ nicht wahrer werden.


Spuren schwäbischen Lebens in Prenzlauer Berg
Schrippe, Brötchen oder doch Schwabenecke? © dpa | Laurin Schmid

So wie das hier: „Wegen euch Zugezogenen steigen die Mieten.“ Schon klar, ansonsten wäre Berlin natürlich eine Wohnoase mit Preisen von 1,30 Euro pro Quadratmeter. Haha. Die Stadt ist doch keine autarke Insel und weder von der Globalisierung noch von steigenden Rohstoffpreisen oder Maßnahmen wie der teuren energetischen Gebäudesanierung abgeschnitten.

Dass der Wohnungsbau trotz lange bekannter Bevölkerungsprognosen vom Senat verpennt wurde und sich durch die gestiegene Nachfrage das knappe Angebot verteuert, ist nicht primär ein Zugezogenen-, sondern vor allem auch ein politisches Problem.

Heißt es „Schrippen“ oder „Brötchen“?

Besonders nervig ist auch dieser Vorwurf: „Wegen der vielen Zugezogenen ist Berlin gar nicht mehr Berlin.“ Wenn damit gemeint ist, dass immer mehr alteingesessene Kneipen und Geschäfte zu Gunsten großer Ketten schließen müssen, dass Kieze dadurch ihren Charme verlieren und eine Shopping-Mall nach der nächsten aus dem Boden gestampft wird: Das, liebe Berliner, ist ein unschönes Phänomen, das es überall von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen gibt – und das jeder mitverursacht, der sein Radio bei Media Markt statt beim Elektro-Onkel an der Ecke kauft.

Gern bezieht sich das Zugezogenen-Bashing aber auch auf die Sprache. Ich persönlich würde zum Beispiel ja niemals „Sonnabend“ sagen, sondern immer „Samstag“. Schlimm, schlimm. Dafür bestelle ich beim Bäcker der Verkäuferin zuliebe „Schrippen“, obwohl es für mich ganz klar „Brötchen“ sind.

Es gibt Schlimmeres als Sojamilch

Bleibt dann noch die Sache mit der Sojamilch, der Bionade und den Hipster-Klamotten. Ich bin wirklich nicht sicher, ob Zugezogene das erfunden haben. Falls tatsächlich eines Tages der Beweis dafür erbracht wird, tut es mir leid. Aber Hand aufs Herz: Es gibt wirklich Schlimmeres.

Ach, liebe Ur-Berliner, freut euch doch einfach! Eure Stadt ist so super, dass ganz viele hier leben möchten. Selbst dann, wenn Spandau eines Tages das neue Zehlendorf ist.

Nina Paulsen begegnet dem Berliner Stadtleben
Nina Paulsen begegnet dem Berliner Stadtleben© Reto Klar | Reto Klar

Und wehe, ihr habt Spaß: Der Drill in Berlins Fitnessstudios
Berlin macht seit dem neuen Jahr mehr Sport. Allerdings ziemlich verkrampft. Lasst doch alle mal locker.

Elf Coffeeshops an einer Kreuzung – Berlin, es reicht!
Berlin hat nicht nur ein Problem mit Coffee-to-go-Bechern, sondern auch mit Kaffeeläden und den Verkäufern darin.

Berlin ist, wenn du statt Gin Tonic nur Kirschsaft bekommst
In Berlins Kneipen ist es klebrig, laut und keiner bekommt, was er bestellt. Ein Lob an einen Ort des Rausches und der Menschlichkeit.