Schumacher Woche

Das grüne Urdilemma: Ehrlichkeit oder Macht?

Auch Robert Habeck wird keinen dritten Weg finden, meint Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher.

Foto: Frank Johannes

Berlin. Wenn ich Robert Habeck wäre, würde mich wachsendes Unwohlsein befallen. Lachend über die Siegesfeiern, von Romantikern zum neuen Willy ausgerufen, immun gegen das Gift, das anderswo über Chefs versprüht wird. Habeck ist schlau genug zu ahnen, was nach der Guttenberg-Phase kommt: Wer irrationale Erwartungen weckt, der kippt.

Aber wie das Bad in der Jauche verhindern? Die Kundschaft ist so mes-siashungrig wie kreuzigungsgeil, absichtsstark und handlungsschwach, überzeugt, dass der Klimawandel sich mit einem Kreuzchen verscheuchen lässt.

Mal abgesehen davon, dass der grünen Erfolgspartei mit ihren 80.000 Mitgliedern Geld, Ordnung und Expertise fehlt, um neben einigen Bundesländern im Bund zu regieren, bedeutet ehrliche Öko-Politik eine „Wende zum Weniger“, wie der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte sagt.

Klar, ein Leben ohne Flüge, ohne Avocado mit Steak, ohne rollende Großbatterien namens Elektroauto ist möglich. Aber die Agenda 2010 lehrt: Weniger gewinnt keine Wahlen. Es bleibt eine vielfach unterschätzte Großtat des ehemaligen Umweltministers Jürgen Trittin, den Atomausstieg durchgesetzt zu haben; weitere grüne Großreformen sind aus der Ära Schröder/Fischer nicht erinnerlich.

Vielleicht bietet der aktuelle Höhenflug mit dem unguten Kribbeln im Bauch die Chance für „Erwartungs-Management“, also ein wenig Wahrhaftigkeit. Wenn also der einst unterhaltsame FDP-Chef Christian Lindner behauptet, Habeck wolle ein fleischfreies Deutschland, dann kann der nette Robert das einfach mal stehen lassen. Und hinzufügen, dass es weder ein Grundrecht auf Schnitzel gibt noch auf Discount-Flüge oder Heizpilze. Umweltgerechtes Leben bedeutet eben Wende zum Weniger, womöglich auch bei den Wählerstimmen.

Womit wir beim grünen Urdilemma wären: Ehrlichkeit oder Macht? Aufrecht wäre ein Appell zu behutsamem Konsumverzicht, pragmatisch dagegen die Fischer-Finte, auch als Kretschmann-Kniff bekannt – grüne Gefühligkeit schaffen ohne weh zu tun.

Selbst Robert Habeck wird keinen dritten Weg finden.

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