Schumachers Woche

Kaputtmachen geht schnell, aufbauen dauert Generationen

Plädoyer für Europa, auch wenn es nicht perfekt ist.

Schumachers Woche erscheint jedenSonntag in der Berliner  Morgenpost.

Schumachers Woche erscheint jedenSonntag in der Berliner Morgenpost.

Foto: Michael Kappeler/dpa/ Frank Johannes

Vor 70 Jahren ging ein provisorisches Gerüst in den Dienst, gebaut aus schlechten Erfahrungen, aus Mitgefühl und Schläue, das den vor Scham, Hunger und Unsicherheit bebenden Deutschen Halt geben sollte. Begriffe wie „Nation“, „Volk“ und „Vaterland“ waren ebenso vergiftet wie Fahnen, Fackeln, Hymnen. Wie ging das, sich deutsch fühlen?

30 Jahre nach der Unterzeichnung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 erfand der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger den herrlich widersprüchlichen Begriff „Verfassungspatriotismus“, der erstmals wieder eine Chance zu vorsichtigem Stolz eröffnete. Kann man ein Gesetzeswerk lieben, auch als Nichtjurist? Aber ja.

Das Grundgesetz, unsere provisorische Verfassung, hat sich bewährt, Debatten ermöglicht, Wohlstand, Miteinander. Nicht alle Deutschen waren vorbildliche Bürger im aristotelischen Sinne, wohlinformiert und dem Gemeinwohl zugeneigt.

Auch hatte das Grundgesetz seine weiche Stellen. Aber Liebe verzeiht, dem Partner wie einem Text, wenn die Absicht stimmt, die Richtung, das Miteinander. Womit wir bei Europa wären, ein Provisorium, mindestens so gerüstbedürftig wie das Deutschland 1949. Wir müssen hier nicht die Schwächen der EU auflisten, die wirren Regeln, das hasenfüßige Personal, den hirnlosen Wahlkampf, das würdelose Durch-die Arena-Ziehen des armen Manfred Weber, der so tun muss, als würde er glauben, dass er Kommissionspräsident wird.

Alles richtig. Aber: Die Idee einer EU ist gut, dieses grundsätzliche Gebot zum Miteinander. Noch das lauteste Zähneknirschen ist besser als der leiseste Schuss.

Wenn Putin, Trump und Erdogan gemeinsam gegen etwas sind, kann es so schlecht nicht sein. Wählengehen bedeutet nicht unbedingt, einer Partei oder Person zu huldigen, sondern dieser Idee der Kooperation. Die Wahlstimme ist ein bürgerlicher Vorschuss, der Nachweis von Optimismus und Großzügigkeit, von verzeihendem Europatriotismus. Kaputtmachen können wir die EU immer noch; das geht fix. Aber aufbauen, das braucht Generationen.