Schumachers Woche

Was Digitalkonferenzen mit Spaßbädern zu tun haben

re:publica, OMR und DLD sind wie Schlagerfeste: Alle kennen sich, alle singen die Texte mit, alle nicken, beobachtet Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher.

Foto: Frank Johannes

Berlin. Früher gingen wir in den Märchenwald, heute auf die Digitalkonferenz. Da sind die Rollen so zuverlässig besetzt wie im deutschen Talk-Wesen.

Da ist der weise Mahner, der Gefahren („Daten“) aufzählt, oft Hochschulhintergrund hat und einen Bart. Daneben der jugendliche Wirbelwind mit aufgekrempelten Ärmeln, der all die verpassten Chancen („China“) beweint, dann das Wunderkind mit dem Goldklumpen („Start-upper“), der schlaue Kater, der sich sogar mit Brüssel auskennt und an der Politik („Verantwortung“) verzweifelt.

In der europalettenhaltigen Location treffen sich Blogger, Influencer, Medienmenschen bei Streetfood – avocadolastig, wurstreduziert –, dazu Limo mit gutem Bio-Zucker. Abends spielt eine Band mit Haltung. Alle nicken.

Sie finden jede Woche statt, heißen OMR, Next, DLD, re:publica und sind wie Schlagerkonzerte: Alle kennen sich, alle können die Texte mitsingen, alle nicken. Besucherzahlen wie zweite Liga, Berichterstattung wie Golfkrieg. Wenn sich Blasen feiern.

Gern wird gemahnt - und alle nicken

Kern des Events ist die Rede, zuverlässig von visionären Verlegern und Stargästen aus den USA. Gern wird gemahnt. Alle nicken. Auch Politiker reden, was mit dem großzügigen Sponsoring von Ministerien und Behörden zu tun haben könnte.

Noch wichtiger sind die Fotos mit jungen Leuten und ihren lustigen Mützen in der offenen Werkstatt-Atmosphäre. Auf dem Gipfel der Beliebigkeit, zwischen Heli-Flug und Fährentaufe, mahnt der Bundespräsident, wegen der Verantwortung, wegen China und wegen der Internet-Giganten aus dem Silicon Valley, die doch bitte Steuern zahlen sollen. Und die Daten erst. Glückskeksweisheiten. Alle nicken.

Digitalkonferenzen sind wie Spaßbäder: Sie simulieren.

Erst wenn Würselen eine hat, wird auffallen, dass diese lästige Realität da draußen anders ist. Dass man für die U-Bahn-Fahrkarte immer noch passendes Kleingeld haben muss.

Und dass die Internet-Giganten uns weiter fröhlich nasführen. Aber die sponsern halt auch.

Wir sollten mehr mahnen. Und nicken.