Die Schweden waren schon immer zuverlässige Trendsetter: Bullerbü, Abba, Ikea, Spotify und jetzt „Flygskam“, was so viel heißt wie „Flugscham“. Ein Begriff, der bei uns noch nicht im Duden steht, hat in Schweden gute Chancen, zum Wort des Jahres zu werden. Unter Sportlern, Künstlern, Wissenschaftlern verbreitet sich Flygskam epidemisch; ausgerechnet die Bewohner eines nicht gerade verkehrsgünstig gelegenen Landes schämen sich dafür, ins Flugzeug zu steigen. Denn Hauptquelle des Klimaheizers CO2 ist nicht die Sauna, sondern die Fliegerei, die hier und da noch mit steuerfreiem Treibstoff angeheizt wird, damit die Flugtickets auch billiger bleiben als das Taxi zum Flughafen.
Scham ist ein starkes Gefühl und oftmals mächtiger als Gesetze. Wir kennen das schon von der Müllscham. Wer die sonnabendlich in Millionen Briefkästen abgeworfene Reklamesendung samt Plastikhülle ins Altpapier wirft, der sollte sich trennschämen. Eine Avocadoscham könnte dafür sorgen, dass weniger der fettreichen, aber ökologisch höchst bedenklichen Trendfrüchte konsumiert werden. Und die Marzipanscham würde gerade zur kalorienreichsten Zeit des Jahres einen wertvollen Beitrag zur Volksverschlankung leisten, Stichwort Plauzenscham.
Während Diesel- und Facebookscham langsam um sich greifen, lässt die überfällige SUV-Scham ebenso auf sich warten wie die Grillscham, obwohl diese doch gleich doppelten Nutzen birgt: Weniger Tiere würden geröstet und die Holzkohleemissionen würden reduziert.
Das größte Hindernis für anschwellende Flugscham bildet in Deutschland die verbreitete Bahnscham. In Schweden werden aufgrund von Flygskam vermehrt Züge inklusive der bewährten Schlafwagen angeboten. Hierzulande sind die Nachtverbindungen weitgehend eingestellt, während bestehende Züge immer neue Unpünktlichkeitsrekorde einfahren. Wie schade. Weniger Bahnscham könnte die gerade in Berlin verbreitete Flughafenscham kurieren. Denn wenn noch geflogen wird, braucht es keinen neuen Großflughafen. Charmant.


