Neulich habe ich was ganz Verwegenes gemacht: Ich bin mit der Bahn gefahren, von Berlin nach Hamburg und zurück, an einem Tag. Verrücktes Huhn, ich weiß. Bis kurz vor Spandau lief alles glatt. Aber dann: ein Knall, Blut spritzt, Männer springen ins Dunkel ... Dazu später mehr.

Ich bin ein Eisenbahnerkind. Wir hatten kein Auto, aber Freifahrtscheine für die ganze Familie. Wie heute schmecke ich den Staub aus weinroten Paisley-Polstern, der sich zart aufs hartgekochte Ei gesenkt hatte. Dann dieser magische Moment, wie mich auf einem Bahnhof der Lokführer zu sich winkte, mich die Stufen emporzog und ins Cockpit lotste. Seither weiß ich: Fahren auf Schienen ist wie Malen nach Zahlen – vorhersehbar. Es sei denn, es ist dunkel und knallt. So wie neulich vor Spandau. Mühsam schabt sich der Scheibenwischer durch Blut, Schweineblut. Okay, das habe ich mir jetzt ausgedacht. Durchsage: „Wir haben soeben ein Stück Wild überfahren und können unsere Reise nur mit verminderter Geschwindigkeit fortsetzen.“ Ein Stück Wild? Aber welches? Reh wäre nett. Hätte der Speisewagen Strom, dazu Preiselbeeren, Knödel und einen schweren Roten, könnte man die Verspätung in Kauf nehmen.

Durchsage zwei: „Der Lokführer und der Zugchef sind beide draußen und versuchen, das Blech wieder gerade zu biegen.“ Die ewige Geschichte der deutschen Bahn – immer ist was geradezubiegen. Ich stelle mir die beiden Helden vor, wie sie in ihren ehemals blütenweißen Diensthemden das Blech vom Tiermatsch befreien. Sollte ich meine Hilfe anbieten, von Eisenbahner zu Eisenbahner, zumal sich nebenbei bestimmt klickstarke Fotos schießen lassen? Tiere gehen ja immer.

Doch da rollt der Zug schon wieder. Teufelskerle. Und die nächste Durchsage: „Es war offensichtlich ein größeres Wildschwein, das bei unserem Tempo eine immense Wucht hatte. Wir werden bis Spandau noch etwa 40 Minuten brauchen.“ Welch Poesie: Noch 40 Minuten bis Spandau. So wird mein erster Roman heißen. Er spielt im Zug. Ich liebe die Bahn. Im Auto wäre die Sache garantiert ganz anders gelaufen.

Mehr Kolumnen von Hajo Schumacher können Sie hier lesen.