Die Tage traf ich einen Politiker, den stets eine zarte Wolke aus Juristenstaub und Zahlendunst umgibt, er ist angenehm unideologisch, häufig klug. Ja, solche Volksvertreter gibt es tatsächlich. Soeben hatte Friedrich Merz sein Comeback erklärt. Und der Politiker sagte trocken: „Manchmal habe ich das Gefühl, unser Politikbetrieb ist eine Klinik für Paranoiker und Traumatisierte.“ Interessanter Gedanke: In der Politik kommen, wie beim Leistungssport, auf jeden Sieger mehrere Verlierer. So wachsen über die Jahre Wut, Bitternis und Rachegelüste. Womöglich auch bei Journalisten. Frei von solchen Gefühlen ist allenfalls der Dalai Lama.

Wie viel Verletzung regiert tatsächlich Deutschland? Blicken wir doch einmal durch die Traumabrille. Da wäre Merz, gestartet als hochbegabter junger Wilder in der CDU, dann abrupter Karriereknick, dieser Frau wegen. Tiefe Verletzung, keine Frage. Will er, unterbewusst, jetzt eine alte Wunde heilen? Dass Wolfgang Schäuble seinen Zögling Merz auch noch angetrieben haben soll, macht die Traumatheorie nicht unbedingt schlechter.

Oder Horst Seehofer, in stiller Panik erstarrt, dass es ihm bald ergeht wie Edmund Stoiber: Tritt statt Dank. Angst lähmt. Und im Innenministerium geht nichts voran. Zufall? Oder Martin Schulz, wie Merz in einem Wust aus Lorbeer gestartet, um hart zu fallen. Tapfer redet Schulz gegen die Bitternis an, die zu aller Glück nicht in Regierungshandeln mündet. Oder Alexander Gauland, der so gern CDU-Vordenker oder Herausgeber einer großen Zeitung geworden wäre. Arbeitet er sich auch deswegen an seiner alten Partei ab?

Aussicht auf Therapie? Gibt es auch. Christian Lindner etwa läuft derzeit auffallend aufgekratzt durch Berlin. Seit die Kanzlerin ihren Rücktritt der kleinen Schritte angekündigt hat, wittert er womöglich die Chance, sein Jamaika-Trauma zu bewältigen.

Der Dreikampf um den CDU-Vorsitz ist ein richtiger, harter, demokratischer Wettkampf. Es wird einen Sieger geben, aber auch zwei Verlierer. So wird die Traumapolitik einfach weitergehen.

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