Es gibt Bücher, die Leben retten oder zumindest Beziehungen und vielleicht sogar die SPD. „Die Wahrheit beginnt zu zweit“ ist so ein Werk, vor langer Zeit verfasst vom Therapeuten Michael Lukas Moeller, einst Professor für Psychohygiene und ein großer Befürworter des Selbsthilfeprinzips. Moeller erklärt in seinem 1990 erschienenen Werk, wie gute Kommunikation geht. Man muss nur das Gegenteil dessen tun, was die SPD macht: nicht über-, sondern miteinander reden, schonungslos offen, ohne Schuldzuweisungen in einem vertraulichen Rahmen.
Würde Fraktionschefin Andrea Nahles nach Moellers Regeln reden, dann klänge das ungefähr so: „Ich habe mich 30 Jahre abgemüht mit dieser Partei. Trotz Hohn und Mobbing habe ich durchgehalten, mich in Partei und Ministerium fortgebildet und würde jetzt gern Fraktions- und Parteivorsitz nutzen, um mich als Kanzlerkandidatin zu empfehlen.“ Noch-SPD-Chef Martin Schulz würde sagen: „Ich habe die Aufgabe unterschätzt. Mit meinen Festlegungen habe ich ganz schön Mist gebaut. Gleichwohl wäre ich gern Minister, weil ich Angst habe, in die Bedeutungslosigkeit zu rutschen.“
Der als künftiger Finanzminister gehandelte Olaf Scholz würde anmerken: „Als Minister und Bürgermeister habe ich bewiesen, dass ich führen kann. Ich könnte Kanzler, aber Andrea will den Job auch. Wir sollten uns ein Verfahren überlegen, wann und wie wir entscheiden, ohne dass es die SPD gleich wieder zerreißt.“ Und der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel erklärt: „Ich war tief enttäuscht von dieser Partei, die meine langen Jahre als Vorsitzender nicht würdigen wollte. Umso glücklicher war ich im Außenamt. Mit Martin würde ich gern eine freundschaftliche Lösung finden.“
Offenbar haben diese vier im letzten halben Jahr nicht ein einziges Mal wirklich offen geredet. Langsam dürften alle wissen, dass dieses verklemmte, verdruckste, feige Getrickse und Geraune die wichtigste Ressource einer Partei verschleudert. Es ist nicht ehrenrührig, als SPD-Chef und Kanzlerkandidat zu scheitern, jeder darf Minister werden, bleiben oder gar ins Kanzleramt wollen. Nein, nicht das Ziel, sondern der Stil weckt den Brechreiz.


