Hätte es früher in Peißenberg ein schwedisches Möbelhaus gegeben, dann wäre ein ortsansässiger Knabe bestimmt nicht lange im Bällebad geblieben. Aufgeregt hätte die Betreuerin übers Zentralmikro gerufen, dass „der kleine Alexander“ abgeholt werden möchte, was nicht ganz stimmte, weil: Die Betreuerin wollte, dass Alexander verschwindet. Er hatte die anderen Kinder aufgewiegelt. Heute ist Alexander Dobrindt CSU-Politiker. Sonst hat sich nicht viel geändert.
Politikwissenschaftler unterscheiden zwischen Handlungs- und Darstellungspolitikern. Die einen arbeiten, suchen Kompromisse, entscheiden, handeln eben. Und die anderen reden darüber, also Dobrindt oder Ralf Stegner, einst Wolfgang Bosbach, künftig verstärkt Christian Lindner. Darstellungspolitiker sind wichtig für die Demokratie, weil sie komplexe Vorgänge ohne viel Faktengedöns auf Bällebad-Niveau zu verdichten verstehen. Stets beherzigen sie die Grundregel der Aufmerksamkeitsdemokratie: Rabatz first.
Früher galten ja Ideale wie Geschlossenheit und Loyalität. Aber das ist Gedöns. „Die Gesellschaft der Singularitäten“ heißt das schlauste Soziologiebuch des Winters und formuliert den kategorischen Imperativ unserer Tage: Sei besonders, überraschend, hyperindividuell! Und wenn Du nicht mal eine Maut hinbekommst, dann provoziere wenigstens.
Wird der Durchschnittsmensch nun einsam, weil Maß und Mitte plötzlich dort ist, wo keiner mehr hin will? Aber nein. Anpassung ist im Trend, sogar bei Diktatoren. Ausgerechnet der singuläre Kim Jong Un hat sich diese Woche artig eingereiht in die konforme Welt Olympias. Noch zu Weihnachten spielte der Nordkoreaner mit der Problemfrisur den Super-Dobrindt. Heute säuselt er schulzhaft.
Ist doch klar: Hat ein Aufmerksamkeits-Junkie alle Provokationen bis zum Großen Krieg durcheskaliert, kann er die Welt nur noch mit einem einzigen Kunststück beeindrucken: Normalität. Zugeschaut und mitgemacht, Mr. President.
Und eines Tages findet vielleicht sogar Alexander Dobrindt den Mut zum Normalbetrieb.


