Im letzten halben Jahr hat mich die Polizei dreimal erwischt: rote Ampel, Handy am Ohr, nachts unterbeleuchtet. Teure Vergehen, aber nur theoretisch. Denn ich bin davongekommen, jedes Mal. Denn ich steige sehr zerknirscht vom Rad, murmle sowas wie „... nur dies eine Mal, sonst nie ...“, gelobe unterwürfig Besserung. Der Beamte guckt erst streng, droht mit Punkten und Bußgeld, hat am Ende aber wenig Lust auf Papierkram. Kostenlose Verwarnung. Puuh. Gut für mich, aber pädagogisch verhängnisvoll. Ich verlasse mich inzwischen aufs Davonkommen. Passiert ja nichts. Eine knallhart exekutierte Strafe hätte mich zumindest vorübergehend zu einem sicherheitsbewussteren Radfahrer gemacht, vor allem mal zu einem Vorbild für meine Kinder.

Was Eltern wissen, aber ähnlich selten umsetzen wie die Staatsmacht: Konsequenz funktioniert. Null Toleranz bedeutet weder Intoleranz noch Gewalt gegen Schwächere, sondern vielmehr Fairness durch Klarheit, was übrigens auch bei systematischem Steuerbetrug gilt. Natürlich gibt es Not- und Sonderfälle, aber die Ausnahme darf nicht zur Regel werden, schon gar nicht, wenn es um Leib und Leben gilt. Werden Böller als Schusswaffen missbraucht, ist Null Toleranz gefragt, bis hin zum Verkaufsverbot. Werden hochtourige Autos zu unkontrollierten Raketen – ab in die Schrottpresse damit, Führerschein weg. Basta. Feuerwehr, Sanitäter, Polizisten bei der Arbeit behindern? Toleranz endet, wo der Respekt verschwunden ist.

Bis heute hält das Null-Toleranz-Modell des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani jeglicher Kritik stand: Einschreiten schon unterhalb der Schwelle zur Straftat, mehr Befugnisse für die Polizei, radikales Modernisieren, aber auch mehr Kontrolle und Erfolgsdruck. In New York kam damit ab Mitte der Neunzigerjahre ein positiver Kreislauf in Gang: Die Straßen der Metropole wurden sicherer, mehr Bürger wagten sich vor die Tür, entdeckten daraufhin ihre Viertel wieder neu und kümmerten sich auch darum. Einziger Einwand gegen eine 1:1-Umsetzung hierzulande: Sündige Radfahrer werden dann nicht mehr so leicht davonkommen.

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