Gourmetspitzen

Das Schweigen der Schlemmer in der aktuellen Dinner-Show

Heinz Horrmann besucht das Palazzo von Hans-Peter Wodarz und Kolja Kleeberg - und ist überrascht und fasziniert, wie für derart viele Menschen gleichmäßig gutes Essen gezaubert werden kann.

Foto: PALAZZO

Ein gutes Essen ist gewiss ein sinnliches Erlebnis. Aber es muss ja nicht in jedem Fall schweigend in totaler Stille zelebriert werden. Die Vorgeschichte zu Hans-Peter Wodarz' Palazzo-Shows, diesmal im Zelt an der O2 World, wurde schon vor mehr als drei Jahrzehnten vom Gedanken hin zur Erlebnis-Gastronomie geprägt. Als er nämlich als Küchenchef im Sternerestaurant "Ente" im "Nassauer Hof" in Wiesbaden für Unterhaltung sorgen wollte und zwei engagierte Opernsänger auftreten ließ, nannte er das witzig: "Das Schweigen der Schlemmer ist zu Ende". Die aktuelle Berliner Dinner-Show "All you can sing" profitiert ebenfalls eindeutig von der nostalgischen Musik, die die Gäste teilweise zum Mitsingen animiert und kulinarisch vom Zusammenspiel der befreundeten Partner Hans-Peter Wodarz, der Urvater dieses abendlichen Genusses voller Lebensfreude, und Kolja Kleeberg, der Sternekoch, der schon im Vorjahr Zwei-Sternekoch Christian Lohse abgelöst hat.

Der Service gehört zur Show

Unabhängig von der Qualität des Show-Programms – über die Einzelheiten haben Sie in dieser Zeitung schon ausführlich gelesen – möchte ich etliche Leser-Anfragen beantworten und detailliert berichten, wie ich das Essen bewerte, dass für mehr als 400 Besucher stets frisch zubereitet wird, sowie dazu den Ablauf des Service. Sie wissen ja, die edelste Küche fährt an die Wand, wenn die schwarze Brigade im Dienst am Gast nicht gut arbeitet. Hier im Palazzo war ich hoch zufrieden. Der Service gehört zur Show oder die Show zum Service. Doch diesmal agiert der ganze Bedienungsapparat stilvoll und gut geschult, allein darauf konzentriert, den Gast zu verwöhnen.

Sensationelle Akrobatik

Die Weinkarte ist klein, umfasst günstige Kreszenzen, aber wer lechzt schon nach einem Mouton Rothschild, wenn die Künstler mit sensationeller Akrobatik auf dem Seil den Atem rauben? Doch unabhängig vom tollen Unterhaltungsprogramm mit Las Vegas-Atmosphäre ist auch alleine das, was auf den Tisch kommt, empfehlenswert für einen schönen Abend.

Es beginnt ausgesprochen köstlich: Der gebeizte Ikarimi-Lachs mit Rote Bete, Sauerrahm und Dill ist geschmacklich ausgewogen, leicht, einfach ein guter Start. Der zweite Gang, früher das Möhrensüppchen, ist aktuell Orientalische Linsensuppe mit Petersilien-Minze-Falafel und Joghurt, nicht zu scharf abgeschmeckt, aber für mich ein wenig zu sehr orientalisch, was aber ausschließlich Geschmacksache ist.

Die Ente ist zurück

Beim Hauptgang ist die Ente zurück, die Hans-Peter Wodarz stets begleitete. Im vergangenen Jahr hatte man darauf verzichtet, was etliche Stammgäste kritisierten. Aktuell ist es die "Canard au Vau" (nach Kolja Kleebergs Restaurant benannt), eine rosa gebratene Entenbrust in Scheiben und eine Kleinigkeit von der geschmorten Keule, dazu Perlzwiebel, Speck-Bâtonnets (Stäbchen) und Spinattörtchen. Im Gegensatz zu meinem TV-Partner Reiner Calmund bin ich kein großer Dessert-Freund, aber ich gestehe, im Palazzo habe ich den vierten Gang, gebrannter Schokoladen-Brownie mit Pistaziencreme, Exotic-Sorbet und Bitter-Orangenschaum haltlos genossen.

Auch der kritische Gaumen wird verwöhnt

Unter dem Strich steht eine klare Steigerung im Zusammenspiel der Aromen und in der Präsentation zum Vorjahr. Auch der kritische Gaumen wird verwöhnt. Zwei Anregungen, die ich geben möchte, runden nur die positive Bewertung ab. Ich würde in keinem Fall die Ente in Scheibchen schneiden und auf den Teller legen, sondern eine halbe Entenbrust mit krosser Haut, die unter Oberhitze leicht zu produzieren ist. Das ist dann ein zusätzliches sinnliches Erlebnis. Zweitens sollte die Küche ein paar gekochte bunte Linsen in die Suppe einarbeiten, das würde den Linsensuppen-Charakter ungleich stärker herausstellen. So war es eine herrlich geschmacksintensive Brühe, aber ohne Linsen-Ähnlichkeit.

Auch Vegetarisches ist im Angebot

Weil es momentan ein wenig im Trend liegt, präsentiert die Palazzo-Crew als Alternative ein vegetarisches Menü. Ebenfalls mit Gerichten aus dem "Vau": Buchweizen-Ziegenkäse-Millefeuille mit Rote Bete, Sauerrahm und Dill ist die Vorspeise. Obwohl ich für mich persönlich sagen muss, dass vegetarische Elemente in der Küche nur als Beilage für Fleisch und Fisch dienen, ist Kolja Kleebergs Komposition ein Genuss. Das gilt ebenso für den Hauptgang, Auberginen-Piccata mit Tomaten-Koriander-Emulsion und grünem Spargel, während Suppe und Dessert deckungsgleich mit der erst genannten Folge sind.

Unabhängig von allen gekonnten Ausführungen ist grundsätzlich das Schöne an der Palazzo-Küche, dass es hier kein Trend-Essen aus dem Chemiebaukasten gibt und auch Fast Food, die Notnahrung, die immer schneller und schlimmer wird, findet nicht statt. Insgesamt steht unter dem Strich eine Bewertung knapp unter der Sternegrenze – und das für 400 Gäste. Wahrlich außergewöhnlich.

Endlose Reihen mit Tellern

Der Service funktioniert wie die Vorbereitung ohne Tadel und bei so vielen Gästen verlangen die zwei parallel laufenden Menüs wahrlich eine Menge Vorbereitungen. Die habe ich mir angesehen und war begeistert von den endlosen Reihen Teller mit kalten Elementen, auf die in letzter Minute dann die warmen Köstlichkeiten platziert werden. Ärgerlich, wenn gut gemachte Speisen kalt zum Gast kommen.

Was der Spaß kostet? Die Preisliste Menü plus Show beginnt bei 79,90 Euro, zum Wochenende wird es teurer und wer jetzt schon Silvester buchen möchte, muss 239 Euro einkalkulieren.

Insgesamt bin ich jedes Mal überrascht und fasziniert, wie für derart viele Menschen gleichmäßig gutes Essen gezaubert werden kann. Das lukullische Element ist im Palazzo alles andere als eine Randnotiz zur Show, sondern ein tragendes Genuss-Element.

Palazzo Berlin, vor der O2-World, Mildred-Harnack-Straße 1, Friedrichshain, Tel.: 01 80 63 88 883, www.palazzo.org

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