Gourmetspitzen

Beim "Café Madrid" stört nur der irreführende Name

Heinz Horrmann besucht das „Café Madrid“, das im ersten Stock des Melía Hotels an der Friedrichstraße liegt. Sein Fazit: auf den Punkt gegart und guter Service.

Foto: Amin Akhtar

Das Meliá Hotel mit der guten Lage, gleich gegenüber dem Bahnhof Friedrichstraße und wenige Minuten vom Boulevard Unter den Linden entfernt, ist eines der bestgebuchten Domizile in Berlin. Auch die Tapas Bar im Erdgeschoss ist stets gut besucht, während das Edel-Restaurant "Café Madrid" im ersten Stock mit 150 Plätzen weit mehr Gäste vertragen könnte. Gewiss ist auch der Name irritierend. Es handelt sich hier nicht um ein Café im klassischen Sinne, und auch die Speisekarte ist international und nicht spanisch ausgerichtet. Unter dem Strich also eine völlig unsinnige Namensgebung. Wie in einigen anderen guten Hotels auch wird Laufkundschaft zusätzlich dadurch abgeschreckt, dass sie die steile Treppe in den ersten Stock hochstiefeln müssen, um einen Blick ins Restaurant werfen zu können.

Was erwartet den Gast, der sich dennoch entschieden hat, im Café Madrid? Erst einmal eine Bedienung, die den Gast pflegt und in den Mittelpunkt stellt. Das ist hoch zu bewerten. Aber dann wartet da auch eine Küche mit Auf und Ab, Fahrstuhlqualität. Die Tarte Tatin vom Kürbis beispielsweise, mit einer Kleinigkeit vom Ochsenschwanzragout, Wasabi und Pflaume kombiniert, passt von den Aromen gewiss nicht sonderlich gut zusammen. Das Gericht war für mich ein Flop. Köstlich dagegen war die Entenstopfleber, kurz in der Pfanne gebraten, mit Süßkartoffel und Pfeffer Crunch. Wer Räucheraromen mag, findet Sepia und Garnele im Aalschaum aus dem Räuchertopf gewiss attraktiv. Die Winzigkeit von Thunfisch spielte da eine untergeordnete Rolle.

Bei den Fischgerichten bekommt der Gast eine gute Übersicht durch die Aufteilung in "traditionell" und "modern". Als traditionell stuft Küchenchef Marcel Scholtun das gebratene Lachsfilet ein, das mit einer ausgesprochen interessanten Aroma-Kombination von Limonen-Creme, schwäbischen Nussknöpfle und Blattspinat serviert wurde. Als moderne Version kam das Makrelenfilet auf den Tisch. Es ist mit einem Tatar vom Fisch im weißen Tomatenschaum, Petersilienravioli und Kürbis angerichtet und parfümiert mit einem Campari-Hauch. Am Nebentisch gab es erkennbare Zustimmung für die Seezungen-Röllchen mit Garnele in Panchetta. Ich bevorzuge bei der Seezunge ganz klar Röstaromen oder einen Mandelmantel, in Butter ausgebraten.

Zweiteilung aus "traditionell" und "modern"

Beim Fleisch darf in Berlin natürlich die Kalbsleber nicht fehlen, ebenso wenig die allgegenwärtige Entenbrust, rosa gebraten. Die gibt es in nahezu jedem Hotel-Restaurant rund um den Erdball. Sehr gelungen war das Kalbskotelett vom Grill, mit 240 Gramm nicht sehr groß, aber gut gewürzt und auf den Punkt gegart. Normalerweise bezeichne ich Steaks und Koteletts unter 500 Gramm als Carpaccio, doch hier wurde ich satt, weil das dazu angerichtete Kartoffelgratin in Ordnung war und getrocknete Tomaten, Koriander-Bohnen sowie in Olivenöl pochierte Champignons den Teller attraktiv machen. Der Gast darf dazu zwischen Sauce Béarnaise, Pfefferjus und Kräuterbutter wählen. Bei der Béarnaise fehlte mir das frische Estragon, und geruchlich wirkte sie nicht wie frisch aufgeschlagen.

Beim Dessert greift wieder die Zweiteilung "traditionell" und "modern". Wobei Zwetschgenkuchen mit Vanilleeis und Rum sowie Crêpes "Suzette" eher in die Kategorie "internationale Hotel-Langeweile" gehören. Auch der "kalte Hund" aus dunkler Schokolade und Butterkeksen riss mich nicht vom Stuhl.

Dagegen verdient das preisgünstig kalkulierte Gourmet Menü für den Monat Oktober (59,59 Euro) einschließlich Weinbegleitung (ein Glas pro Gang) echten Beifall. Bei der Charlotte von Geflügelleber und Birne mit Orange- und Trüffel-Flan sowie Hummer im Bananenblatt mit Muschel-Koriander-Eintopf stand Kreativität im Mittelpunkt. Beim Frischlingsrücken tauchte erstmals das landestypische Schwein aus iberischer Zucht auf, das man in einem spanischen Restaurant erwartet. Die Taubenbrust als Hauptgang ist rosa gebraten, auch hier umgarnt das Fleisch eine Fülle von Aromen: ein Hauch von Zimt, Granatapfel, Blumenkohl und Pilze.

Verbrüderung zwischen deutsch und spanisch

Die Weinliste stellt eine Verbrüderung zwischen deutschen und spanischen Lagen dar. Während bereits ansatzweise akzeptable Franzosen so hochpreisig kalkuliert sind, dass sie diesen Lagen keine Konkurrenz machen können. Ich bestellte einen spanischen Merlot (Atrium), der glasweise zum kundenfreundlichen Preis von 4,80 Euro offeriert wurde. Bei meinem vorherigen Besuch wählte ich eine Flasche des Cabernet Sauvignon Baron de Ona, der aber nicht erwähnenswert war. Vielleicht wäre das Geschmackserlebnis deutlich besser gewesen, hätte der Weinkellner den Cabernet dekantiert. Aber so viel Weinpflege war wohl nicht zu erwarten. Ansonsten kümmerte sich der Service wahrlich engagiert. Ohne Wartezeit wurde gleich zu Anfang erstklassiges dunkles Krustenbrot mit Öl und Butter serviert.

Vor dem ersten Gang wanderte mein Blick über die hübsche Optik des Restaurants: elegantes Porzellan, funktionelle Kombination von Olivenöl, Butter und Salsa, weiße Tischläufer und Stoffservietten von guter Qualität. Die angenehme Stimmung, unterstrichen durch pulsierendes Berliner Straßenleben, dass durch die gewaltigen Fensterpartien gut zu beobachten war, wurde auch nicht durch eine größere Gruppe von Hotelgästen gestört, die den Gastraum bevölkerten.

Die Friedrichstraße hat sich zu einer wirklich abwechslungsreichen Genussmeile entwickelt. Wahrlich ein guter Standort für das Café Madrid in der Nachbarschaft von "Ganymed" und "Grill Royal". Während der Grill ganz unten am Wasser seine Gäste empfängt, bietet das Café Madrid mit der angesprochenen Panoramaverglasung einen schönen Ausblick auf die Spree und den Schiffbauerdamm. Wir hier oben, ihr da unten. Allein darum ist ein Besuch empfehlenswert.

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