Deutschstunde

Sie ließ den lieben Gott einen guten Mann sein

Oder ließ sie Gott ein guter Mann sein? Die Kongruenz, die Abstimmung der Satzglieder, ist der schwierigste Teil der Grammatik.

Foto: Federico Gambarini / dpa

In einem Brief fand ich folgenden Satz: Als „Älterer“ widerstrebt es mir […]. Hier knirscht die Grammatik. Die Kasustreue bzw. Kasuskongruenz ist nicht gewahrt. Natürlich hätte es heißen müssen: Als Älterem widerstrebt es mir […]. Bei der Ergänzung eines Satzes durch eine Konjunktionalgruppe mit „als“ oder „wie“ weist die Gruppe den gleichen Kasus (Fall) wie das Bezugswort auf. Es ist unzulässig, sich der Einfachheit halber im Nominativ (1. Fall) zu bedienen, wenn der Nominativ gar nicht ausgespielt worden ist. Nicht: mir als „Verantwortlicher“, sondern mir als Verantwortlichem für Richtiges und Falsches, nicht: mit Französisch als „zweite“ Fremdsprache, sondern mit Französisch als zweiter Fremdsprache, nicht: mit Martin Schulz als „einfacher Abgeordneter“, sondern mit Martin Schulz als einfachem Abgeordneten. Und eben: mir als Älterem.

Eine solche Konjunktionalgruppe wird zu den Appositionen (Beisätzen) gezählt. Unter einer Apposition versteht man ein Attribut, eine Beifügung, die den Bezugsausdruck näher erklärt: Hans Mustermann, der Direktor der Goetheschule, wird pensioniert. Eine „klassische“ Apposition kann weggelassen werden oder allein stehen, ohne dass sich die Aussage des Satzes ändert: Hans Mustermann wird pensioniert (ohne Apposition) oder: Der Direktor der Goetheschule wird pensioniert (Apposition als Subjekt). Das setzt voraus, dass eine Apposition sich im Genus (grammatischen Geschlecht), Numerus (Zahlform; mit einem „m“) und Kasus ihrem Bezugsausdruck anpassen muss.

Eine solche Anpassung nennt man die Kongruenz, die grammatisch-formale Abstimmung von Satzgliedern oder zusammengehörenden Teilen von Satzgliedern. Mit „Abstimmung“ ist gemeint, dass sich die grammatische Kategorie des einen Ausdrucks mit der grammatischen Kategorie des anderen Ausdrucks ändert. Sie sind grammatisch zusammengekoppelt.

Nehmen wir die Kongruenz im Numerus als Beispiel: Fritz ist ein Nachbarjunge. Als einzelner Junge ist er grammatisch gesehen Singular (Einzahl), und zwar jeweils als Bezugswort und als Apposition: Fritz, der Sohn unseres Nachbarn, ist ein Rüpel. Kommt aber sein Bruder Ben hinzu, müssen wir jeweils in den Plural (Mehrzahl) wechseln: Fritz und Ben, die Söhne unseres Nachbarn, sind wahre Rüpel.

Die Regeln und Beispiele zur Kongruenz sind so umfangreich, dass ich bis Silvester sämtliche „Deutschstunden“ damit füllen könnte, zumal zahlreiche Ausnahmen die strenge Syntax (den Satzbau) verwässern. In solchen Beispielen werden die Formen nicht nach syntaktischen Gesichtspunkten, sondern nach der Bedeutung gebildet. Dann wird aus der Syntax die Synesis, die Bildung „dem Sinne nach“.

Bleiben wir beim Numerus und betrachten die Mengenangabe „eine Million“: Eine Million Berliner weint/weinen beim Gedanken an den Zustand des Hauptstadtflughafens BER. Die Million ist Singular, also muss es weint heißen. Allerdings erlaubt der Duden auch die Bildung dem Sinne nach, weil nicht nur ein Berliner (so wollen wir hoffen) weint, sondern sich im Plural ein unübersehbarer Tränenfluss ergießen wird. Deshalb ist auch weinen erlaubt. Merke: Die Glieder einer Kongruenz sind verbunden in guter wie in schlechter Grammatik, bis dass der Duden sie scheidet.

Noch ein Beispiel zur Kongruenz im Kasus, bei dem verschiedene Fälle zu verschiedenen Zuordnungen führen können: Der Türsteher behandelte den Jungen wie ein Schurke (Bezug auf den Türsteher als Schurke) oder: Der Türsteher behandelte den Jungen wie einen Schurken (Bezug auf den Jungen als Schurken).

Heißt es eigentlich: Sie ließ Gott ein guter Mann (Nominativ) sein – oder: Sie ließ Gott einen guten Mann sein (doppelter Akkusativ)? In der klassischen Grammatik bleiben wir im Akkusativ, doch gilt heutzutage auch der Nominativ nicht mehr als falsch: Er lehrte ihn ein Freund (einen Freund) des Volkes sein.

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