Deutschstunde

Wenn der Deppen-Apostroph auf halbmast steht

Einige Anmerkungen zu den Stolpersteinen im „Diktat“ vom 5. Juni. Als totale Null war sein Erfolg gleich null.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Ein „Diktat“ vom 5. Juni an dieser Stelle, das nicht diktiert und geschrieben, sondern redigiert werden sollte – und immer noch kein Ende. Nach der stichpunktartigen Auflösung vor einer Woche, bei der doch viele Fragen offengeblieben sind, müssen wir einige Regeln genauer betrachten. Ich hatte rund 65 Fehler im Text versteckt, wobei ich mich auf die genaue Zahl gar nicht festlegen will, weil manche Stolpersteine keine obligatorischen Formen und Schreibweisen im Sinne der Rechtschreibreform, sondern fakultative Empfehlungen waren. Sie sollten den Text ausbessern, ihn möglichst fehlerfrei und lesbar machen.

Dazu gehört, dass nicht nur Sprachfehler, sondern auch sachliche Fehler getilgt werden müssen. Die Fußball-Weltmeisterschaft fand im Jahre 1962 nicht in Mexiko, sondern in Chile statt, Marvin Plattenhardt schreibt sich mit „dt“ und Hertha BSC seit der Gründung des Vereins auf dem gleichnamigen Havel-Dampfer mit „th“.

Gehisst, also am Fahnenmast hochgezogen, wird übrigens keine Fahne, sondern eine Flagge. Eine Fahne war ursprünglich am Schaft befestigt. Nach traurigen Anlässen wird die Flagge nur auf halbe Masthöhe gezogen. Sie wird auf halbmast gesetzt. „halbmast“ ist ein Adverb und muss kleingeschrieben werden. Auch ich bin vorgestern nach dem Abpfiff des deutschen WM-Fußballspiels in Moskau sofort in meinen Garten gelaufen und habe das schwarz-rot-goldene Tuch auf halbmast gesetzt, und zwar nicht nur aus orthografischer Korrektheit, sondern auch aus sportlicher Enttäuschung mit einem kleinen „h“.

Die „Gebrüder“ bezeichnen die Gesamtheit aller Brüder einer Familie. Jacob und Wilhelm Grimm waren jedoch die beiden ältesten von fünf Brüdern und nannten sich selbst Brüder Grimm. Eine „Bruderschaft“ bedeutet eine kirchliche Körperschaft, während Winnetou und Old Shatterhand mit Blut und Umlaut Brüderschaft geschlossen hatten. Ich will niemandem zu nahe treten, aber ein Genitiv-Apostroph bei „Löw’s Entscheidung“ wird häufig wenig rücksichtsvoll als Deppen-Apostroph bezeichnet.

Wenn zwei Steppkes „dasselbe“ Trikot tragen, müssten sie sich beide in ein einziges Hemd gezwängt haben. Das dürfte ein wenig zu eng geworden sein. Selbstverständlich trugen sie das gleiche Trikot. Ein Autor muss sich häufig den kargen Honorarvorstellungen des Verlags beugen, wird dafür im Singular aber wenigstens stark gebeugt. Es heißt des Autors, dem Autor und den Autor und nicht etwa „dem Autoren“. Der Plural von Bogen lautet die Bogen – ganz ohne Umlaut A4 steht als DIN-Bezeichnung ohne Bindestrich. Wenn wir etwas widerspiegeln, so spiegeln wir es nicht „wieder“ (erneut), sondern werfen das Bild wider (gegen) den Spiegel.

Die Seiten im Karl-May-Band bestehen aus bedrucktem Papier. Wir können sie umblättern. Wenn jedoch bei der Schilderung von Winnetous Tod die Saiten des Mitgefühls in uns zum Erklingen gebracht werden, so handelt es sich im übertragenen Sinne um die Saiten der Geige mit „ai“. Ich werde nicht lockerlassen! Das 2. Partizip von winken heißt, hieß und wird immer gewinkt heißen! Oder pflegen Sie dieses schwache (!) Verb als „winken, wank, gewunken“ zu konjugieren? Wohl kaum.

Eigennamen, die auf einen Zischlaut enden, erhalten im Genitiv einen Apo-stroph. Es heißt also der Aussetzer Loris Karius‘ (wessen Aussetzer?). Außerhalb von Sportreportagen hat Karius in Liverpool nicht „Vertrag“, sondern einen Vertrag, diesen aber wohl nicht bis „1921“, vielmehr bis 2021.

Paulchen Müller ist im Deutschunterricht eine Null (Substantiv für „Versager“), sodass sein Schulerfolg gleich null (als Zahlwort immer klein) war. Ein Lehrer wirft nicht mit Gegenständen auf Schüler, doch wenn, dann mit der richtigen Rektion (dem von der Präposition geforderten Fall). Der Schwamm sauste nicht „nahe des Kopfes“, sondern nahe dem Kopf vorbei.

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