Deutschstunde

Er kam, sah und setzte mutig ein Komma

Es ist gar nicht so einfach, zwei Hauptsätze durch die richtigen Satzzeichen zu trennen – oder nicht zu trennen.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Der Regen hat aufgehört. Die Sonne scheint. Das Wetter ist wieder schön. Ich gehe mit dem Hund spazieren. Was ist das? Sagen wir: der Aufsatz einer Grundschülerin, bei dem Mutti kräftig geholfen hat, obwohl sie nicht helfen durfte. Immerhin stimmt die Rechtschreibung, und jeder Satz hat ein Prädikat (Satzaussage) und einen Satzgegenstand (Subjekt). Es sind also vier selbstständige Hauptsätze entstanden. Diese Hauptsätze müssen voneinander getrennt werden, damit wir wissen, wo der eine anfängt und der andere endet. Deshalb setzen wir als Satzzeichen jeweils einen Punkt zwischen die Hauptsätze.

Trotzdem klingt das Ganze abgehackt wie die C-Dur-Tonleiter in der ersten Klavierstunde. Mutter schlägt vor, aus dem vorderen Hauptsatz einen Nebensatz zu machen und die Vorgänge zeitlich zu ordnen nach dem Motto: erst der Regen, dann die Sonne. Dazu muss der neue Nebensatz mit dem Hauptsatz verbunden werden, und zwar durch ein Bindewort, fachsprachlich Konjunktion genannt. Wir wählen die unterordnende temporale (zeitliche) Konjunktion nachdem und bilden einen Temporalsatz: Nachdem der Regen aufgehört hat, scheint die Sonne. Zwischen einem Neben- und einem Hauptsatz darf kein Punkt stehen, aber zwingend ein Komma.

Machen wir auch die letzten beiden Sätze etwas flüssiger im Stil. Diesmal benutzen wir die kausale (begründende) Konjunktion weil und bilden einen Kausalsatz, einen Nebensatz der Begründung: Weil das Wetter wieder schön ist, gehe ich mit dem Hund spazieren. Das Komma darf nicht weggelassen werden. Falls wir den Nebensatz jedoch in den Hauptsatz einfügen, wenn also vor und nach dem Nebensatz ein Teil des Hauptsatzes steht, müssen wir sogar zwei Kommas setzen: Ich gehe, weil das Wetter wieder schön ist, mit dem Hund spazieren.

Häufig ersetzen die Konjunktionen und, oder und sowie das Komma zwischen den Sätzen – aber nicht bei einem eingeschobenen Nebensatz: Vater, der Urlaub hat, und Mutter gehen spazieren. Der Hauptsatz lautet: Vater und Mutter gehen spazieren, der Relativsatz (Bezugswortsatz) ist eingeschoben. Demnach steht das Komma nicht vor „und“, sondern als schließendes Satzzeichen nach dem Nebensatz.

Zwei oder mehrere Hauptsätze können statt eines Punktes auch durch ein Komma getrennt werden, zumal dann, wenn sie inhaltlich eng zusammengehören: Ich kam, ich sah die Bescherung[,] und ich sagte ihm meine Meinung. Ein Hauptsatz ist zum einen dadurch definiert, dass er ein gebeugtes (finites) Verb enthält. Das ist hier der Fall. Ferner sollte im Allgemeinen ein Subjekt vorhanden sein. Das ist ebenfalls durch das jeweilige Pronomen (persönliche Fürwort) „ich“ gegeben. Strittiger erscheint die Frage, ob die Konjunktion und zwischen zwei Hauptsätzen das Komma ersetzt. Nach alter Rechtschreibung musste trotz des „und“ ein Komma stehen, nach neuer Rechtschreibung kann ein Komma stehen, muss aber nicht. Empfehlung: Setzen Sie ein Komma!

Drei andere Hauptsätze: Er kam, sah und siegte. Wir entdecken drei gebeugte Verben, aber es fehlt zweimal das Subjekt der Langform: Er kam, er sah[,] und er siegte. Die beiden letzten Sätze in der Kurzform sind elliptische (unvollständige) Sätze, denen etwas Entscheidendes fehlt: das Subjekt, denn der selbstständige Hauptsatz braucht nicht nur ein gebeugtes Verb, sondern, wie gesagt, auch ein Subjekt.

Steht zwischen zwei Ellipsen ein „und“, stehen sie stets ohne Komma! Selbst ein stark erweiterter elliptischer Satz ist kein Grund für ein Komma: Sie stand am Dienstag frühmorgens auf und ging dann vor dem Frühstück frohen Mutes mit ihren Hunden spazieren.

Anmerkung: Das Wort Komma besitzt zwei Plurale: die Kommas und die Kommata. Heutzutage sagen wir standard- und fachsprachlich die Kommas. Ich bitte herzlich, mir in dieser Hinsicht keine belehrenden Mails mehr zu senden.

Kolumnist Peter Schmachthagen erreichen sie unter deutschstunde@t-online.de.

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