Deutschstunde

Versuchen Sie einmal, ein Datum zu schreiben!

Es ist leichter, in Tegel zu landen, als den Zeitpunkt der Landung bekannt zu geben. Apposition oder Aufzählung?

Foto: Federico Gambarini / dpa

Regeln "regeln", wie der Name sagt, einen Vorgang oder einen Zustand. Regeln sind Richtschnur, Norm und Vorschrift. Regeln engen ein, beschneiden die Individualität, schützen aber die Rechte der Allgemeinheit oder des Nachbarn. Regeln sind am wirksamsten, wenn sie obligatorisch, also verbindlich gelten. Nehmen wir die Straßenverkehrsordnung, die nicht jedermann nach seinem Gusto ändern darf. Falls ein antiautoritärer Jüngling beschließt, die Vorfahrtsregel "rechts vor links" ideologisch in "links vor rechts" umzuwandeln, kann es zu schweren Unfällen kommen, und wenn ein Muttersöhnchen meint, das vorgeschriebene Tempo 30 vor dem Kindergarten mit der PS-Zahl seines Lamborghinis multiplizieren zu dürfen, landet er im schlimmsten Fall wegen Mordes vor Gericht.

Auch die Sprache, vor allem in ihrer schriftlichen Form, bedarf gewisser Regeln, sonst geraten die Sätze ins Chaos und die Aussage ins Unverständliche. Wer die Regeln der Rechtschreibung (Orthografie), Zeichensetzung (Interpunktion) oder Grammatik verletzt, wird nicht auf der Anklagebank landen, sondern sich blamieren oder den Empfänger seines Elaborats missachten.

Das Dumme ist nur, dass die Regeln der deutschen Sprache in weiten Teilen nicht obligatorisch, sondern fakultativ, also der eigenen Wahl überlassen und nicht unbedingt verbindlich sind. Selbst das amtliche Regelwerk kennt häufig eine Möglichkeit, aber auch eine andere, und wenn wir Pech haben, noch eine dritte. Heißt es "aufwendig" (von "aufwenden") oder "aufwändig" (von "Aufwand"), sagen wir "Albtraum" (richtig nach einem Quälgeist) oder "Alptraum" (trivial nach den Alpen), schreiben wir "ohne Weiteres" (substantiviert), "ohne weiteres" (adverbial) oder in Österreich gar "ohneweiters"? In einem Diktat, falls die larmoyante Grundschuldidaktik der armen Kinderseele überhaupt noch so eine schändliche Übung zumutet, dürften alle diese Formen keine Fehler sein.

Doch innerhalb Ihres Briefes, bei der Korrespondenz in einer Firma und erst recht in einer Zeitung, deren einzelne Teile an verschiedenen Orten hergestellt werden, sollte man sich nach einer einheitlichen Empfehlung richten, nach einer Quelle, die überall vorhanden ist. Das ist der Rechtschreibduden (aktuell in der 27. Auflage, auch digital erhältlich), der bei fakultativen Schreibweisen und Fügungen die seiner Meinung nach gängigste gelb markiert. An diese Empfehlung müssen wir uns halten, wollen wir eine Publikation oder ein Schriftstück einheitlich gestalten. Selbst Ältere, die wie ich die ersten Wörter noch im Luftschutzkeller gelernt haben, müssen sich zähneknirschend damit abfinden, dass sie "vonseiten, infrage, mithilfe" zusammen-, "zu Hause" aber getrennt schreiben sollen.

Kompliziert wird es bei der Datums- und Zeitangabe. Steht vor einem Feiertag der Hinweis in der Zeitung: "Die nächste Ausgabe der Morgenpost erscheint am Mittwoch, den 2. Mai zur gewohnten Stunde", dann droht mein Postfach überzulaufen. Und trotzdem ist diese Form richtig, wenn auch ein schließendes Komma stehen sollte, aber nicht muss. Das Datum kann als Apposition im Dativ oder als Aufzählung im Akkusativ formuliert werden, jeweils mit oder ohne Komma. Wenn wir zudem die Uhrzeit und den Ort einbinden, vermehren sich die Möglichkeiten:

Am Montag, dem 14. Mai[,] lief das Schiff vom Stapel. – Am Montag, den 14. Mai[,] lief das Schiff vom Stapel. Die Familie kommt am Dienstag, dem 4. September[,] um 14 Uhr[,] in Tegel an. – Die Familie kommt am Dienstag, den 4. September[,] um 14 Uhr, und zwar in Tegel, an. Bis zum Freitag, dem 12. Oktober[,] hast du Zeit. – Bis zum Freitag, den 12. Oktober[,] hast du Zeit.

Bevor Sie anfangen, die erlaubten Varianten auszuwürfeln, halten Sie sich am besten an die Apposition, an den Beisatz. Eine Apposition ist kasustreu und stand bis 1996 immer in Kommas: Am Mittwoch, dem 2. Mai, erscheint die nächste Ausgabe.

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