Deutschstunde

Ein paar Spitzfindigkeiten unserer Sprache

125 Jahre lang Jubiläum gefeiert? Wohl kaum. Häufig sind es nur wenige Buchstaben, die den großen Unterschied ausmachen.

Berlin. Das Kurzwarengeschäft Knopf, Zwirn & Lange irgendwo in der Provinz, in dem bereits meine Großmutter die für ihren Handarbeitskorb benötigten Stoßbänder, Fingerhüte und Stecknadeln mit farbigen Glasköpfen gekauft hat, kündigt im örtlichen Anzeigenblatt sein 125-jähriges Jubiläum an. Es mag ja sein, dass die Inhaberinnen, zwei hochbetagte Damen, ihre Reißverschlüsse und Perlmuttknöpfe sauber geordnet haben, doch mit der deutschen Sprache gehen sie weniger ordentlich um. Komposita mit -jährig geben nämlich eine Zeitdauer bzw. das Alter an, das sich ja von der Geburt bis heute ununterbrochen weiterzählt – ein zweijähriger Aufenthalt in England dauert zwei Jahre oder das zweijährige Kind meiner Schwester ist zwei Jahre alt.

Ein 125-jähriges Jubiläum bedeutete genau genommen, dass seit 125 Jahren ununterbrochen ein und dasselbe Jubiläum gefeiert wird, was nicht anzunehmen ist. Es hätte natürlich 125-jähriges Bestehen heißen müssen. Vorsicht auch vor falschem Bezug: Der 63-jährige Direktor des Gymnasiums ist ja nicht seit seiner Geburt Direktor. Schreiben Sie besser: der 63 Jahre alte Direktor des Gymnasiums, der diesen Posten seit zwei Jahren innehat.

Die Zusammensetzungen mit -jährlich bezeichnen hingegen eine Zeitspanne, nach deren Ablauf sich etwas wiederholt: das jährliche Schützenfest oder der vierteljährliche Kontoabschluss. Bei Miet- und Arbeitsverträgen sollte man genau aufpassen. Eine halbjährige Kündigung bedeutet, dass die Kündigungsfrist ein halbes Jahr dauert, während sich bei einer halbjährlichen Kündigung die Möglichkeit zur Kündigung jedes halbe Jahr wiederholt.

Manch einer mag diese Semantik als Spitzfindigkeit empfinden und anregen, in der Umgangssprache nicht gar so pingelig zu sein. Das sind wir bis hinein in die Nachrichtensprache auch gar nicht. Zum Beispiel ist das Wort unbeschadet ursprünglich kein Adjektiv (das unbeschädigt lautet), sondern eine Präposition mit Genitiv im Sinne von „trotz“. Unbeschadet des heftigen Aufpralls blieb das Auto nahezu unbeschädigt. Leider bleibt unbeschadet der Grammatik die Sprache an dieser Stelle selten unbeschädigt.

Auch die strenge Unterscheidung zwischen den Demonstrativpronomen der gleiche/derselbe droht zu verwischen. Bezeichnet wird eine Identität des einzelnen Lebewesens oder einer Sache (derselbe) bzw. die Identität der Art oder Gattung (der gleiche). Wenn sich jedoch aus dem Zusammenhang ergibt, welche Identität gemeint ist, wird heutzutage im Allgemeinen kein Unterschied mehr gemacht – da mögen sich Leser, die selbst als Rentner mit ihrem Sprachbuch unter dem Kopfkissen schlafen, noch so sehr in Albträumen wälzen. Wir hören sowohl, er habe denselben Vornamen wie sein Vater, als auch, er trage den gleichen Vornamen. Sie trafen sich heute um dieselbe Uhrzeit wie auch um die gleiche Uhrzeit wie gestern. Wenn jedoch Missverständnisse möglich sind, müssen wir es genau nehmen. Fahren die beiden Außendienstmitarbeiter eines kleinen Handwerkbetriebs denselben Firmenwagen, bedeutet das, dass sich die beiden einen einzigen Wagen teilen und ihn abwechselnd benutzen müssen. Falls sie aber den gleichen Wagen fahren, hat der Chef zwei Firmenwagen desselben Fabrikats gekauft.

Dringt die präzise Mathematik in die Sprache, wird’s häufig reichlich unpräzise. Fast jede Berichterstattung über Wahlergebnisse oder Umfragen erinnert an Egon Krenz, dessen größte Sorge es bekanntlich war, dass die Addition seiner gefälschten Zahlen 104 Prozent ergeben könnte.

Nehmen wir einmal an, die FDP wüchse in einer Umfrage von sieben auf 14 Prozent (was zurzeit allerdings nicht zu erwarten ist), so hätte sie nicht sieben Prozent gewonnen, sondern 100 Prozent, denn sie hätte sich ja verdoppelt. In diesem Fall sprechen wir besser von Punkten. Die Grünen haben im Deutschlandtrend zwei Prozentpunkte zugelegt, die CDU und die SPD hingegen jeweils einen Punkt verloren.

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