Das Diktat in der „Deutschstunde“ der letzten Woche war ein großer publizistischer Erfolg. Zahlreiche Leser und offenbar noch mehr Leserinnen scheinen den Text redigiert und korrigiert zu haben. Sie hätten sich die Mühe sparen können: Es gab nichts zu korrigieren! Der Text enthielt keinen einzigen Fehler. Alles war richtig. Ich wollte Sie nicht aufs Eis führen, sondern demonstrieren, dass nach amtlichem Regelwerk nicht alles falsch ist, was auf den ersten Blick wie falsch aussieht.
Allerdings sollte nur dasjenige angestrichen werden, was eindeutig falsch war. Es ging nicht darum, fakultative (der eigenen Wahl überlassene) Schreibweisen zu präsentieren wie seit Langem/seit langem oder sodass/so dass. Im Übrigen habe ich bei fakultativen Schreibweisen stets diejenige gewählt, die der Duden empfiehlt und farbig unterlegt hat. Obwohl ich immer noch mit der linken Hand auf die rechten Finger schlage, damit sie widerwillig vonseiten in einem Wort schreiben, muss sich eine Zeitung, deren Redaktionen über ganz Deutschland verstreut sind, der Einheitlichkeit halber an diese Empfehlungen halten. Man kann ja nicht an jedem Morgen eine Videokonferenz schalten, um nach langem Palaver festzulegen, ob seit Langem heute groß- oder kleingeschrieben wird.
Ich habe bei der Korrespondenz, die übrigens vertraulich ist und mein privates Postfach nicht verlassen wird, den Eindruck gewonnen, dass ich einige Anmerkungen schuldig bin. Sie lasen die Form dem Autor. Das Substantiv auf -or wird im Singular stark, nicht schwach flektiert. Es heißt also des Autors, dem Autor, den Autor, nicht „des Autoren, dem Autoren, den Autoren“.
Das aus dem Französischen übernommene Lehnwort der Postillion (Postkutscher) erhält ein „i“ hinter dem „l“, das französische Fremdwort Postillon d’Amour (Liebesbote) jedoch nicht. Bei zarten Gefühlen werden die Saiten wie auf einer Geige zum Erklingen gebracht, nicht die Seiten im Buch. Einige Farbadjektive wie beige, lila, oliv oder orange werden weder gesteigert noch gebeugt. Nichts kann „beiger“ als beige sein, und einen „lilanen“ Titel gibt es nicht, sondern nur einen lila Titel. Obwohl jeder Zweite das für einen Tippfehler hielt: Es heißt wirklich die Zeitläufte mit „t“. Bei -läufte handelt es sich um den Plural der heute nicht mehr gebräuchlichen Substantivbildung der Lauft (Lauf). Der Plural von „SMS“ lautet die SMS. dienstagsvormittags ist ein Wort. Eine Datumsangabe darf nicht nur im Dativ, sondern auch im Akkusativ stehen („am Sonnabend, den“).

Von Personennamen abgeleitete Adjektive werden ohne Apostroph kleingeschrieben (heusssche Schirmherrschaft), können aber auch großgeschrieben werden, müssen dann jedoch mit einem Apostroph stehen (Heuss’sche Schirmherrschaft). Die Präposition wegen fordert im Plural den Dativ, wenn sie unbegleitet ist (wegen Geschenken, wegen Geschäften), aber den Genitiv, wenn sie mit Artikel oder Attribut steht (wegen der Geschenke, wegen dringender Geschäfte). vonstattengehen etc. ist ein unregelmäßiges Präverb, dessen mit dem Wortstamm verbundener Teil ein Wort bildet, aber unfest ist (wie es vonstattenging, so ging es vonstatten).
Herzlich willkommen (Adjektiv) wird klein-, ein herzliches Willkommen (Substantiv) jedoch großgeschrieben. Der überwiegend fachsprachlich gebrauchte Ausdruck Gewinn-und-Verlust-Rechnung muss mit Bindestrichen durchgekoppelt werden, da es sich nur um eine Rechnung handelt, in der Gewinne und Verluste einander unmittelbar gegenübergestellt werden. Er spricht Deutsch (was?, die Sprache), spricht aber mit seinen Freunden gerade englisch (wie?, auf welche Weise?). Unbestimmte Zahlwörter werden kleingeschrieben (manches, die anderen). Man sagt vier Glas Saft (nicht: Gläser), und bereits zur Kaiserzeit hieß es [das Ergebnis von] zwei und zwei ist vier (nicht: sind vier)!


