Heute ist es wieder einmal Zeit für ein Diktat, dessen Text eigentlich ganz harmlos klingt, in den aber zahlreiche Fallen und Stolpersteine eingebaut sind. Da ich Ihnen die Sätze nicht diktieren kann wie ein Lehrer im Deutschunterricht, stoppen Sie bitte an dieser Stelle und finden jemanden in der Familie, der das Diktieren übernimmt – oder Sie redigieren das Folgende wie ein Redakteur bzw. eine Redakteurin mit Kugelschreiber auf der Zeitungsseite. Dabei geht es nicht um den Stil und den Ausdruck. Dass ich kein sprachliches Kunstwerk verfasst habe, weiß ich selbst. Der Literaturnobelpreis wird nicht angepeilt. Sie sollen lediglich die Rechtschreib-, Grammatik- und Zeichensetzungsfehler anstreichen, die nach dem amtlichen Regelwerk und der gerade erschienenen 27. Auflage des Dudens eindeutig falsch und auch fakultativ (wahlweise) nicht erlaubt sind. Hier der Text des Diktats:

Die Zeiten der Postillione, die früher mit ihren Kutschen durch die deutschen Lande rumpelten und ihr Kommen mit einem Hornsignal ankündigten, sind seit Langem vorbei. Heutzutage kennt man höchstens noch den Postillon d’Amour, den Liebesboten, der einen nach Chrysanthemen duftenden Brief übergibt und bei den Empfängern die zarten Saiten der Gefühle zum Erklingen bringt – das heißt, man kennt ihn eigentlich auch nicht mehr oder höchstens aus den verspakten Romanen Hedwig Courths-Mahlers mit dem beige Umschlag und dem lila Titel.

Die Zeitläufte haben sich verändert und die E-Mails und SMS zur papierlosen Kommunikation gemacht. Wer dienstagvormittags die „Deutschstunde“ liest, erfährt manches über die Sprache. Die anderen, die auf diese morgendliche Lektüre verzichten, können sich im Alltag wahrscheinlich fehlerfrei auf Deutsch verständigen, obwohl einige von ihnen gerade mit ihren Freunden aus London englisch sprechen. Für viele sind die Anglizismen ein Wermutstropfen in der Reinheit unserer Muttersprache, der die Globalisierung auch im August dieses Jahres widerspiegelt.

Unsere Nachbarin hat Zwillinge bekommen, und frisch aus dem Kreißsaal zeigte sie Rückgrat und nannte die Kleinen Max und Moritz, obwohl ihr Partner diese Namen annullieren lassen will, weil sie ihm in der Patchworkfamilie ziemlich hanebüchen vorkommen. Doch die Taufe soll am Sonnabend, den 14. Oktober vonstattengehen, weil vonseiten des Pastors kein anderer Termin zu bekommen war. Die Großeltern haben ihre goldene Hochzeit im neuen Jahr bereits angemeldet und würden den Tag am liebsten gegen entsprechendes Entgelt durch Anschlag an der Litfaßsäule reservieren lassen. Beim Taufmahl sollen die Zwillinge zum ersten Mal Grießbrei bekommen, während die Gäste mit Veganem vorliebnehmen müssen, wobei für jeden vier Glas Tomatensaft vorgesehen sind.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache
Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

Wie zwei und zwei vier ist, so ist bei uns jeder Sommer eine Art Winter. Wir nähern uns dem Äquinoktium, der Tagundnachtgleiche, sodass es mit der Akquise hochsommerlicher Tage vorbei sein dürfte. Früher fanden im September die Bundesjugendspiele statt. Heute gedenken wir der damaligen Heuss’schen Schirmherrschaft. Ein Mädchen meiner Klasse bekam eine Urkunde vom Bundespräsidenten. Es war sehr stolz darauf, auch wegen Lobes und Geschenken. Aber das ist schon 50 Jahre her. Im Übrigen: Herzlich willkommen in der Jetztzeit, in der das Leben mit seinem eingefahrenen Rhythmus sowohl ein Entweder-oder als auch eine Art Gewinn-und-Verlust-Rechnung ist: ein stetes Auf und Ab an der Stätte unseres Seins. An dieser Stelle gehen dem Autor zwar nicht die Beispiele aus, aber der Platz. Deshalb ist das Diktat hier zu Ende.

Na, wie viele Fehler haben Sie gefunden? Die Auflösung folgt erst in der kommenden Woche. Sie können mir vorab aber Ihre Fehlerzahl senden, und zwar ganz vertraulich an mein privates Postfach: Deutschstunde@t-online.de

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