+Wenn man allen Zweifelsfällen der deutschen Sprache, die immer wieder nachgefragt werden, ein Stichwort gäbe und diese Stichwörter alphabetisch ordnete, käme ein interessantes Nachschlagewerk zustande – etwa das Duden-Taschenbuch „Ja wie denn nun?“ von Anja Steinhauer, das sogar in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Journalisten-Verband entstanden ist. Diese Neuerscheinung steht unter dem Motto: „Nur ein richtiger Text kann ein richtig guter Text sein.“ Ich habe wahllos den Daumen zwischen die Seiten gesteckt, aufgeschlagen und bin am Anfang des Buchstabens „N“ gelandet. Schauen wir uns dort einmal etwas um.

Die Präposition nahe wird mit dem Dativ verbunden, lesen wir. Es heißt: Der Unfall ereignete sich nahe dem Bahnhof (nicht: nahe „des“ Bahnhofs). Auch nachgestellt steht der Dativ: Dem Entsetzen nahe lief sie davon. Die meisten unter Ihnen werden diese Hinweise für verzichtbar halten, doch in der Umgangs- und sogar in der Nachrichtensprache wird dem Dativ heutzutage vom Genitiv immer mehr Terrain abgeknöpft. Wir wollen zwar noch nicht von einem Klimawandel der Kasus sprechen, aber vielleicht fasst ein Kollege die Beispiele irgendwann unter dem Titel „Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod“ zusammen. Es ist wie in anderen Bereichen unserer Gesellschaft. Wird zur Rettung des Genitivs aufgerufen, so kennt das Gutmenschentum der Sprache keine Obergrenze mehr.

Ob es sich um einen nahe liegenden oder einen naheliegenden Bahnhof handelt, ist eher eine geografische als eine orthografische Frage. Man kann das Attribut zusammen- oder getrennt schreiben. Da ich das Bahnhofsgebäude in Sichtweite, also nahe, vor mir liegen sehe, haben wir es mit einer konkreten Bedeutung zu tun. Deshalb rate ich dringend zur Getrenntschreibung. Bei übertragener Bedeutung, wenn also kein eigenständiges Gewicht der beiden Bestandteile weder im Blickfeld noch auf dem Stadtplan erkennbar ist, schreibt man zusammen: Der naheliegende Gedanke, besser ein Taxi zu nehmen, kam mir viel zu spät. Sub-stantivierungen werden stets zusammengeschrieben: Auf das Naheliegende kommt man zuletzt.

Was ist korrekt, nah oder nahe? Beide Formen sind ohne Bedeutungsunterschied gebräuchlich. Die Paarformel von nah und fern bleibt klein, von Nahem ist dekliniert, wird als Substantiv angesehen und sollte großgeschrieben werden. Die meisten Adjektive (aber nicht alle!) kann man steigern: Der Bahnhof ist nahe, der Taxistand ein bisschen näher, und die Würstchenbude liegt am nächsten auf meinem Weg. Bei näher handelt es sich also um einen Komparativ (Steigerungsstufe). Komparative werden vom folgenden Verb getrennt geschrieben, wenn eine eigenständige Bedeutung eines der Teile erkennbar ist: Ich bin dem Bahnhof wieder einige Meter näher gekommen. Bei übertragener Bedeutung schreibt man auch hier zusammen: Ich habe ihr Vertrauen gewonnen und bin ihr nähergekommen. Wird näher allerdings erweitert, muss wiederum getrennt geschrieben werden: Nach dem schönen Abend bin ich ihr noch näher gekommen, wobei orthografisch nicht zu klären sein wird, ob diese Annäherung rein platonisch oder ganz konkret erfolgt ist. Man muss ja nicht alle Einzelheiten beschreiben.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.
Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Die Superlativform nächst drückt aus, dass etwas unmittelbar kommt oder folgt: die nächste Station, der nächste Versuch, das nächste Mal, die nächste Woche. Steht nächst mit einer Zeitangabe, zum Beispiel mit einem Wochentag, so gibt es häufig Missverständnisse wegen des Gegensatzes dieser – nächster. Wenn jemand an einem Dienstag sagt: „Ich komme am nächsten Donnerstag“, so bleibt unklar, ob er übermorgen oder erst in der kommenden Woche kommen will. Eindeutig ist, falls der auf den Sprechzeitpunkt nächstfolgende Donnerstag gemeint ist, von diesem Donnerstag, im anderen Fall aber vom Donnerstag in der nächsten Woche zu reden.

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