Ein häufig zitiertes lateinisches Sprichwort lautet: Si tacuisses, philosophus mansisses. Zu Deutsch: Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben. Man kann die Übersetzung auch weniger abgehoben gestalten: Wenn du die Klappe gehalten hättest, hätte niemand gemerkt, was für ein Dummkopf du doch bist. Keine Bange, das große Latinum ist zur Lektüre dieser Kolumne nicht erforderlich. Es geht nur darum, einmal durchzuzählen. Für eine Aussage, für die der Lateiner vier Wörter benötigt, müssen wir im Deutschen das Doppelte ansetzen, nämlich wenigstens acht Wörter oder Formen. Im Lateinischen finden wir eine Konjunktion (si), ein Substantiv (philosophus) und zwei finite (gebeugte) Verben, bei denen die gesamte Aussage in eine einzige Form gepresst worden ist.

Das Lateinische ist nicht der direkte Vorläufer des Deutschen. Um es etwas anschaulicher zu sagen: Latein ist nicht der Großvater, sondern eine Art Großonkel unserer heutigen Muttersprache. Aber auch bei der Entwicklung des Urgermanischen zum Deutschen kamen immer mehr Wörter bei den Verbformen hinzu. Allein die Personalpronomen ich, du, er, sie, es, wir, ihr und sie sind eine große Hilfe bei der Konjugation, bei der Beugung der Verben. Man weiß dann auf den ersten Blick, wo man ansetzen kann. Doch je mehr Wörter in einer Form vorhanden sind, desto mehr Möglichkeiten gibt es, sie falsch zu ordnen oder falsch zu bilden. Dann finden wir am Heftrand ein rotes „Gr.“, einen schlimmen Grammatikfehler, der zu meiner Schulzeit anderthalbfach gezählt wurde.

Der Konjunktiv ist für manche ein grammatisches Schlachtfeld

Allein der Konjunktiv, die Möglichkeitsform, bietet ein weites Feld für derartige Fehler, und für manche Leute ist er geradezu ein grammatisches Schlachtfeld. Gewönne doch der Konjunktiv, seufzte Altmeister Wolf Schneider, doch um zu gewinnen, muss er erst einmal regelgerecht ins Spiel gebracht werden. Das Dumme an der Flexion (Beugung) ist, dass es den Konjunktiv gleich zweimal gibt, einmal als Konjunktiv I, der vom Präsensstamm (vom Stamm der Gegenwart) gebildet wird (er geht / er gehe), und zudem den Konjunktiv II vom Präteritumstamm (er ging / er ginge), die Möglichkeitsform der Vergangenheit.

Der Konjunktiv gehört zur indirekten Rede wie das Mehl zum Brotbacken. Opa teilt Vater am Telefon in direkter Rede mit: „Oma fährt am Sonntag zu ihrer Schwester.“ Vater gibt diese Neuigkeit an Mutter weiter, und zwar indirekt, denn Vater ist nur der Überbringer. Niemand spricht in diesem Augenblick direkt mit Opa. Also: Opa sagt, Oma fahre am Sonntag zu ihrer Schwester. Vater benutzt in der indirekten Rede den Konjunktiv I. Dessen Form muss sich aber deutlich von der Form des Indikativs (der Wirklichkeitsform) unterscheiden. Nehmen wir an, Opa entschließt sich, Oma zu begleiten, und Vater teilt indirekt mit: Opa sagt, er und Oma „fahren“ am Sonntag weg. Nun ist die Form fahren (Indikativ) nicht mehr von der Form fahren (Konjunktiv I) zu unterscheiden, obwohl sie zu unterscheiden sein muss. Deshalb weicht Vater in den Konjunktiv II aus: Opa sagt, er und Oma führen am Sonntag weg. Wir merken uns: Wird bei der indirekten Rede der Konjunktiv I im Vergleich zum Indikativ nicht erkannt, soll der Konjunktiv II gesetzt werden.

Da viele Formen des Konjunktivs II so klingen, als hätte Luther sie auf der Wartburg erfunden, ist mancher geneigt, nach einem würde zu greifen. Die Form „würde“ klingt so schön nach einer Möglichkeit, nach einem Konjunktiv, und überhaupt: Warum hat sie wohl einen Umlaut? Das ist (meistens) falsch. Hieße es: Opa sagt, er und Oma „würden“ am Sonntag verreisen, so haben wir es mit einem Konditional (Modus der Bedingung) zu tun, der geradezu nach der Auflösung durch ein Wenn schreit: Opa sagt, sie würden am Sonntag fahren, wenn Oma nicht krank wäre. Da Oma jedoch schwer erkältet ist, lautet Vaters Botschaft also korrekt: Opa sagt, sie blieben am Sonntag zu Hause.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache
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