Berliner Schätze

Als die Berliner Schaubühne das Kollektiv probte

Fester Regisseur? Benötigen wir nicht. Feste Dramaturgie? Wollen wir nicht. Aber eine Vollversammlung muss sein: Wie an der Schaubühne der Reformgeist der Siebziger auf die Spitze getrieben wurde.

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Theater im Berlin der frühen Siebziger, das ist hoch politisch, das ist hartes Brot. Und die Zentrale der Theaterrevolution ist die Schaubühne – damals noch „am Halleschen Ufer“.

Ein Probenprotokoll vom 5. 11. 1970. „Beginn: 10 Uhr“ steht da. Und darunter: „Ich erscheine erst um 10.25 Uhr (verschlafen).“ Das notiert „Heini“, der Protokollant über sich selbst, sprich der Schauspieler Heinrich Giskes.

Es sind die Proben zum „Verhör von Habana“. Etwas Neues soll entstehen, radikal anders: Kollektivtheater. Kein fester Regisseur, keine feste Dramaturgie, die Positionen wechseln. An der Schaubühne will man ein „Modell innerbetrieblicher Demokratie“ leben. Jeder darf mitreden, vom Techniker bis zum Dramaturgen, einmal im Monat tagt eine Vollversammlung, in der sich die Theaterleitung – darunter Peter Stein, Claus Peymann und Jürgen Schitthelm – der Belegschaft stellen muss.

Es wird viel abgestimmt, auch über Grundsätzliches. „Wollen wir das Stück überhaupt zur Aufführung kommen lassen?“ 18 sind dafür, einer ist dagegen, der gibt gleich eine schriftliche Erklärung zu seinem Votum ab. So reibt man sich auf, Probe für Probe. Protokolle, Abstimmungen, Kämpfe um jeden Mist. „Beklagt wird der Rückfall hinter die Arbeitsergebnisse des Vortages.“ Und dann sind da noch die „Berufsschweiger“, wie Peter Stein sie nennt, die schweigen und mauern.

Verworrene Diskussion

Aber zurück zu besagter Probe im November 1970. Es wird wieder viel gequatscht. „Daran entzündet sich eine ziemlich verworrene Diskussion über den Abschnitt S. 117 unten bis S. 118 (Strichvorschlag Stein). Wermelskirchen verkompliziert.“ Das Bühnenbild steht noch nicht, der Premierentermin auch nicht, dazu kommen interne Querelen. Parallel wird nämlich ein weiteres Stück geprobt, Peter Handkes „Ritt über den Bodensee“, mit kaum Kollektiv und einem echten Regisseur: Claus Peymann. Die Erwartungen an das Habana-Stück sind daher hoch, es ist ein Glaubenskrieg: Stein oder Peymann? Kollektiv oder kein Kollektiv?

Es gibt Unmut, „dass vor der Entscheidung, den Handke bzw. Habana zu machen, nicht aktiv versucht worden sei, den Handke zu eliminieren“. Eliminieren! So steht es im Probenprotokoll vom Oktober 1970. Revolutionäre waren nie zimperlich, auch Theater-Revolutionäre nicht. Der Druck ist da, das Chaos auch, da taucht Peter Stein auf. „Als Peter um 12 Uhr erscheint (verschlafen), schlägt er vor, die Proben wegen der Diskussion am Sonntag an einem Tag in der nächsten Woche ausfallen zu lassen.“

Revolutionäres Kollektiv

Es folgt eine „Diskussion über Disziplin“. Heini warnt davor, sich „überzuorganisieren“. „Pünktlichkeit um jeden Preis“ sei nicht produktiv. Es müsse alles freier werden. „Dringe nicht durch und kann mich nicht verständlich machen“, notiert Heini alias Giskes. Peter Stein nennt den Schauspieler einen „getroffenen Hund, der bellt“. Schließlich sei er, Giskes, doch heute Morgen zu spät gekommen.

Doch der gibt nicht klein bei. „Ich belle nochmal: an dem Tag während der Mutter-Probe („Die Mutter“ hatte 1970 Premiere und wurde ein erster Erfolg der neuen Schaubühne), an dem Peter unsere Requisiteuse anschiss, weil sie zu spät kam, ist er selber 35 Minuten zu spät auf der Probe erschienen. Relationen, Relationen.“ Nein, protokolliert Heini, er wolle Stein nicht festnageln, nur auf „einen Widerspruch bezüglich seines überdimensionalen Leistungsbegriffs und dessen Anwendung hinweisen“. Warum gelten für Stein andere Regeln als für den Rest? Und das in einem revolutionären Kollektiv?

Wer mal im Theater gearbeitet hat, weiß: Theater war nie demokratisch. Es gibt die gottgleichen Regisseure, die ganz oben thronen (besonders, wenn sie Erfolg haben), es gibt die Schauspielstars und die Stars der Kantine, die nach dem Auftritt große Reden schwingen. Was man an der Schaubühne aufbrechen will, ist die Gleichgültigkeit der Stadttheater. Dienst nach Plan. Lustlose Techniker. Herunterleiernde Schauspieler. Regieroutine: die Tragödie im Herbst, der Schwank zu Silvester. Das Kollektiv zwingt alle, sich der eigenen Arbeit bewusst zu werden. Sich bewusst werden – ein Hauptwort dieser Zeit.

Starke Maoisten

An der Schaubühne sind die Maoisten stark. Der Schauspieler Michael König, Mitglied der KPD/AO, ist ihr führender Kopf. Probenbegleitend leitet er einen Kurs über Lenins „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Irgendwann kriegt der Bayern-Kurier, das CSU-Blatt, davon Wind und zitiert unter der Überschrift „Stramme Ideologie und geschlamperte Geschäfte“ aus den Protokollen. Skandal!

Als dann Anfang 1971 das „Verhör“ Premiere hat, ist das Ergebnis enttäuschend. Schulfunk. Der Mix aus Original-Verhören, Filmen, verlesenen Dokumenten wirkt arg pädagogisch, dazu der kahle Bühnenraum, von der sinnlichen Kraft des Theaters ist nichts zu spüren. Und wie steht es um das Gegenprojekt, Peymanns „Ritt über den Bodensee“?

Die Probenprotokolle dieser Inszenierung geben eine völlig andere Atmosphäre wieder. „Peymann schlägt vor, die theoretische Diskussion nicht fortzuführen und mit den Proben zu beginnen, um ein sinnlicheres Verhältnis zum Stück zu bekommen.“ Peymann ist durch und durch Regisseur. An seiner Regie-Handschrift lässt er keinen Zweifel, geht aber auch offen mit seiner Ratlosigkeit um. Das morgendliche Treffen mit dem Autor Handke, Diskussionen mit den Schauspielern, bringen sie ihn weiter? „Ich habe ja eben schon gesagt, dass mein Zustand auch wieder etwas verwirrter ist, durch dieses Gespräch. Ich kann da also jetzt im Moment keinen Exkurs halten über meinen Ansatz, den ich… den ich also nicht…“.

Lieber konkret werden

Bla, bla, bla – lieber Proben. Konkret werden. Er hat wunderbare Schauspieler: Jutta Lampe, Edith Clever, Otto Sander, Bruno Ganz, Barbara Sukowa. Sie werden die nächsten Jahrzehnte des Theaters prägen. Aber auch Peymanns „Ritt über den Bodensee“ fällt bei der Kritik durch. Zu viel Kulisse und Requisite, zu viel Bühne, zu oberflächlich. Das „Verhör“ ist zu karg, der „Ritt“ zu üppig. Was denn nun? Fünf Tage nach der Premiere verabschiedet sich Peymann von der Schaubühne. Kollektiv und Peymann, das hat nicht gepasst.

Und doch – auch wenn beide Inszenierungen scheitern, sie scheitern fruchtbar. Peter Stein feiert wenig später einen Riesenerfolg mit seinem siebenstündigen „Peer Gynt“. Sinnlich, fragmentarisch, märchenhaft. Er ist jetzt der Regisseur, auch wenn er es noch bestreitet. Ob er nun die dominierende Figur der Schaubühne sei, fragt ihn der „Spiegel“. „Viele Mitglieder des Kollektivs sehen diese Dominanz schon jetzt und sind sehr unzufrieden damit“, gibt er zu. „Darum wollen wir uns jetzt gemeinsam überlegen, wie eine solche Situation zu überwinden ist.“ Zum Glück hat die Schaubühne sie nie überwunden. Die Stein-Zeit, sie brach nun an.

Dank an das Archiv der Akademie der Künste. Am 7. September 2013 hat in der Akademie der Dokumentarfilm: „LONTANO – Die Schaubühne von Peter Stein“ Premiere.