Comedy

A-cappella-Formationen erobern die Kabarett-Bühnen

Zu den erfolgreichsten Ensembles zählen LaLeLu sowie die Holländer Rock 4. Und nicht zu vergessen Muttis Kinder, die im September wieder in der Bar jeder Vernunft auftreten.

Foto: Muttis Kinder © Jan Wirdeier / Jan Wirdeier

Große Kunst findet sich oft da, wo man sie am wenigsten erwartet – zum Beispiel in Kontaktanzeigen, wie man kürzlich bei einem Konzert in der UfaFabrik erleben durfte. Mit der „Kontaktanzeigen-Cantate“, angeblich vom Hamburger Barockkomponisten Georg Friedrich Telemann verfasst, beweist das Comedy-Quartett LaLeLu, dass Zeitungsannoncen durchaus ein musikalisches Element innewohnt.

Ebenso gekonnt bringen die Vier einen der größten deutschen Liedermacher mit Diät in Verbindung. In ihrem „XXL-Medley“ lassen sie Herbert Grönemeyer statt „Alkohol“ „Wirsingkohl“ singen oder „Gib mir mein Steak zurück, ich brauch dein Gemüse nicht...“ Nicht nur die knödelnde Stimme klingt wie Grönemeyer, auch die Instrumente erscheinen dem Original zum Verwechseln ähnlich. Doch hier sind Gitarre, Piano, Bass oder Schlagzeug allesamt vokaler Natur.

LaLeLu zählen zu den erfolgreichsten A-cappella-Ensembles, die nun auch die Comedy- und Kabarett-Bühnen erobern. 1994 fanden Sanna Nyman, Frank Valet, Tobias Hanf und Jan Melzer an der Hamburger Musikhochschule zusammen. Seitdem hat LaLeLu in zehn abendfüllenden Programmen etwa 200 Konzerte absolviert und mehr als 250 Lieder interpretiert, viele davon aus reinem Spaß an der Musik. Denn selbst wenn man einen Song parodieren will, muss man ihn erst einmal ernst nehmen.

So auch bei Rock 4: Die Holländer sangen neulich im BKA-Theater das gesamte Queen-Album „A Night at the Opera“, ein Meilenstein der Rockgeschichte von 1975 mit dem Hit „Bohemian Rhapsody“. Das glamouröse Stück mit den kunstvollen Chorsätzen scheint ohnehin ein Lieblingstitel aller A-cappella-Artisten zu sein.

„Bohemian Rhapsody“ zählt zu den Lieblingssongs

Beim Auftritt des Trios Muttis Kinder, Stammgäste in der Bar jeder Vernunft, gerät „Bohemian Rhapsody“ zu einem Höhepunkt. Denn Christopher Nell singt den Song ganz alleine, ein bewundernswerter wie komischer Drahtseiltakt, der zu den vielen musikalischen Überraschungsangriffen der an der Rostocker Hochschule ausgebildeten Künstler zählt. Virtuos und charmant bewegen sich Nell, Claudia Graue und Markus Melzwig zwischen Klassik, Pop, Filmmusik und Schlager. Neben der stimmlichen Brillanz überzeugen die Künstler auch mit ihrer Schauspielkunst, nicht umsonst könen zwei von ihnen auf ein Engagement am Berliner Ensemble verweisen. Der „orale Sound deluxe“ von Muttis Kinder zählt sicher zum Besten, was an A-cappella-Gruppen derzeit in Deutschland unterwegs ist.

A cappella hat eine Jahrhundert alte Tradition. Doch im Grunde geht die Bezeichnung auf ein Missverständnis zurück. Unter „alla cappella“ verstand man in der älteren Kirchenmusik, dass der Chor exakt das singt, was die Instrumente spielen. Das ermöglichte eine variable Aufführungspraxis je nachdem, wie viele Sänger oder Instrumentalisten zur Verfügung standen. Bei der Wiederentdeckung der alten Chormusik im 19. Jahrhundert kam es zu einer Bedeutungsänderung: „a cappella“ bezeichnete nun Chormusik, die auf Instrumente ganz verzichtet und allein auf der menschlichen Stimme beruht.

Von Weltmusik über Salsa bis zu Jazz

Neben der Klassik hielt das vokale Prinzip auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die populäre Musik Einzug, zuerst in die US-amerikanischen Barbershop-Gesänge. Auf diese Tradition bauten in Deutschland die Comedian Harmonists, die zwar, weil vom Piano begleitet, im strengen Sinne nicht a cappella sangen, bis heute aber großes Vorbild für rein vokale Gruppen sind. Gerade im Rock- und Popbereich setzte vor gut 20 Jahren eine internationale Welle ein, mit Formationen wie The Flying Pickets oder Wise Guys, die große Konzertsäle füllen.

Mittlerweile gibt es kaum ein Genre, in dem a cappella nicht präsent ist. Von Weltmusik über Salsa zu Jazz: Der vokale Kosmos scheint grenzenlos. Vom 6. bis 8. September veranstaltet die Landesmusikakademie im FEZ das neu initiierte nationale A-Cappella-Pop-Festival BERvokal, bekannteste Gruppe ist Maybebop. Mehr als 130 Profis und Laien nehmen an den Konzerten und Workshops teil (www.BERvokal.de). Und Muttis Kinder kann man wieder am 30. September und 1. Oktober in der Bar jeder Vernunft mit ihrem Programm „Zeit zum Träumen“ erleben.