Keine Förderung

Theater 89 droht nach 25 Jahren die Schließung

Eine von der Berliner Kulturverwaltung eingesetzte dreiköpfige Jury hat empfohlen, die Förderung für das Theater 89 einzustellen. Auch zwei weiteren Bühnen werden die Zuschüsse gestrichen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das ist ein ganz bitteres Geburtstagsgeschenk: Im kommenden Jahr wird das Theater 89 ein Vierteljahrhundert alt – und muss möglicherweise schließen. Denn die von der Senatskulturverwaltung eingesetzte dreiköpfige Jury hat in ihrem Gutachten zur "Evaluation bei der Neuvergabe der Konzeptförderung für die Jahre 2015-2018" empfohlen, die Förderung für das Theater 89 einzustellen. Es geht um 200.000 Euro.

Gestrichen werden sollen auch die Zuschüsse für den Theaterdiscounter (150.000 Euro) und an die Gruppe Nico and the Navigators (100.000 Euro). Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) kündigte bei der Vorstellung des Gutachtens am Donnerstag an, dem Votum zu folgen.

Damit droht einem Theater das Aus, das wie keine zweite Off-Bühne politisches Theater macht und sich mittlerweile auch mit der gesamtdeutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts auseinandersetzt.

Hans Joachim Frank, zu DDR-Zeiten Schauspieler am Berliner Ensemble, hat die Gruppe 1989 im damaligen Ost-Berlin gegründet. Einer der stärksten Inszenierungen der jüngeren Zeit war die Dramatisierung des Romans "Hafthaus", in dem ein Potsdamer Künstler seine Erfahrungen im Stasi-Knast reflektiert. Das Buch basiert auf einem realen Fall. Gespielt wurde im Hof des früheren Gefängnisses, also am historischen Ort in Potsdam, es war einer der ergreifendsten Theaterabende der letzten Jahre; die Produktion war auch für den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost nominiert.

Höchste Stufe der kommunalen Förderung für freie Szene

Die Konzeptförderung ist die höchste Stufe der kommunalen Förderung für die freie Szene. Sie erstreckt sich über einen Zeitraum von vier Jahren, bietet also Planungssicherheit für die auserwählten Gruppen. Knapp fünf Millionen Euro sind in diesem Topf. Wer da rausfällt, hat kaum noch eine Chance, in die Basis- oder Spielstättenförderung zu kommen, auch dort sind die Mittel knapp und die Jurys gnadenlos.

Für die Politik hat das Einsetzen von Jurys den Vorteil, dass man unangenehme Entscheidungen delegieren kann. Und nicht in den Ruf kommt, Urteile nach ästhetischen Gesichtspunkten zu treffen. Auch die Jury für die Konzeptförderung betonte gestern, dass sie sich nicht als Geschmacksrichter betrachteten. Die Mitglieder sprachen dann von "Seherfahrungen" und attestierten beispielsweise dem Theater 89 eine "völlig veralterte Ästhetik". Außerdem sei die Publikumsresonanz sehr gering. Es ist noch nicht lange her, da argumentierte eine Jury bei der Ablehnung einer Förderung für das Prime Time Theater, dass die Weddinger Bühne doch so viele Zuschauer anziehen würde, ergo eine Unterstützung nicht nötig sei.

Laut Jahresbericht der Senatsverwaltung hatte das Theater 89 im vergangenen Jahr, also vor dem Umzug von der etablierten Spielstätte in Mitte in einen ehemaligen Gemeindesaal in Moabit, eine Auslastung von 88 Prozent.

Dagegen kommt das Theater im Palais, dem die Jury eine "Nischenfunktion" bescheinigt, auf eine Auslastung von 50 Prozent. Auch das Theater im Palais gilt nicht gerade als Ort der Innovation, bekommt aber trotzdem knapp 300.000 Euro. Das Kleine Theater am Südwestkorso kann sich über 200.000 Euro freuen, die Vaganten-Bühne über knapp 400.000 Euro – allesamt Dinosaurier im Off-Bereich.

Aussortiert wurde das Theater 89. Vielleicht hätte sich Theaterleiter Hans Joachim Frank nicht so uneinsichtig gegenüber der Kritik eines Jurymitglieds zeigen sollen – das war gestern tatsächlich ein Argument für die Ablehnung.

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