Liebe Leserin, lieber Leser,
in Schottland lernte ich zwei Traditionen kennen, aber nur eine schätzen: ein wirklich üppiges Frühstück und den Afternoon Tea. Das eine in einem Bed & Breakfast in einem kleinen Ort, über den in regelmäßigen Abständen Jagdflieger eines nahen Fliegerhorsts hinwegdonnerten. Geführt wurde das Haus von einer resoluten Schottin, die meine Frühstücksgewohnheiten nicht akzeptierte. Sie waren not Scottish enough. Als ich Toast bestellte – und sonst nichts –, wies sie das entrüstet zurück und bereitete mir mit dem Satz „You arrre in Scotland, you have to eat a Scottish brrrreakfast“ ein full Scottish breakfast zu. Was in Schottland ungefähr so klingt, wie man es schreibt, mit „a“ statt „ä“ und gerolltem „r“. Es gab gegrillte Tomaten, Toast, Haggis (Sie wollen nicht wissen, was das ist), Kipperfilet, also Fisch und so weiter. Es war ein riesiger Teller. Würstchen und Speck durften natürlich auch nicht fehlen. „That‘ll keep you running all day long“, sagte sie. Und hatte recht, es war ein wunderbares Mittel gegen den regnerischen, kühlen Tag. Gut, dass ich jung war und meine Blutwerte noch niemanden interessierten. Am wenigsten mich selbst. Dennoch bin ich bis heute kein Freund eines üppigen Mahls am Morgen.
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Das andere lernte ich auf der Isle of Eriska kennen. Das ist ein kleines Chalet auf einer Insel etwas nördlich von Oban an der Westküste und der Inbegriff von Luxus. Dort bekam ich zum ersten Mal einen Begriff davon, wie gut die vierte Mahlzeit des Tages ausfallen kann, mit Gurkensandwiches, Lachs natürlich, immerhin war das ja Schottland, und Clotted Cream sowie ausgezeichneten Teesorten.
Der neue Afternoon Tea im Adlon ist eine Revolution
Natürlich muss man nicht nach Schottland reisen, auch in Berlin gibt es den Afternoon Tea, meistens in Luxushotels. Das Ritual der Etagere, des Tees in Kännchen, das Zelebrieren des Aufgusses und der erste Schluck eines Second-Flush-Darjeelings dehnen den Nachmittag zu einer Zeit des stilvollen Müßiggangs. Dazu eine gepflegte Unterhaltung oder ein gutes Buch oder ja, auch eine gedruckte Zeitung, während der Hotelbetrieb um einen herumläuft, das hat einen ganz eigenen Charme.

Umso schöner ist es, dass Christian Hirt, der neue Geschäftsführende Direktor des Adlon Kempinski Berlin, den High Tea nun nicht nur neu aufleben lässt, sondern auch revolutioniert. Er macht daraus ein Gourmet-Menü, begleitet von hochwertigen Tees. Mit Blick auf den Elefantenbrunnen und das unterhaltsame Treiben in der Lobby genießen Gäste auf der Beletage nun eine in fünf Gängen servierte Luxus-Tea-Time auf farbenfrohem, extra für das Adlon entworfenem Porzellan. Kreiert wurden die Gänge von Bankettchef Eric Kissmann und Chef-Patissier Steffen Holle, in enger Abstimmung mit Christian Hirt, der jeden Gang persönlich probiert und für gut befunden hat.
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Bei der Auswahl des passenden Tees hilft Barbara Hanimann, Absolventin des Trainingsprogramms vom Teehaus Ronnefeldt und zertifizierte „Teamaster Gold“. Und wir reden hier nicht einfach nur noch von Darjeeling, Assam oder Oolong. So gibt es über Kiefernholz gerösteten „Smoked China“ oder handgearbeiteten „White Yunnan Silver Tips“. Was dazu serviert wird, beschreibt Gesa Noormann, die für Sie vor Ort war, so: „Eine Eierschale, gefüllt mit würziger Dijon-Senf-Espuma, geröstetem Pumpernickel und Kaviar, erfreut den Gaumen, bevor es mit einer Quiche mit Pastinake, Reh und Liebstöckel, einer feinen Hummerbisque und vier herzhaften Kanapees weitergeht. Mit dabei das klassische Cucumber-Sandwich, Urbestandteil eines jeden High Teas und normalerweise in jeder Hinsicht blass – hier haben die Köche mithilfe von Grapefruit und Maldon-Salz eine erstaunlich geschmackvolle Angelegenheit daraus gemacht. Die Lachs-Schnitte mit Pumpernickel und Orange und die Tartelette mit Waldpilz, Marone und Ossetra-Kaviar haben es da dank ausdrucksvollerer Zutaten leichter.“

Und es geht noch weiter: „Ein optisches Highlight der salzigen Patisserie-Kunst ist die Burrata-Tomate mit Aprikose und Rosmarin, bei der es sich nicht etwa um ein schnöde gefülltes Gemüse handelt, sondern um eine aus tiefrotem, geliertem Saft geformte Tomate mit Stracciatella-Füllung. Nichts könnte den luxuriösen Überfluss der vierten Mahlzeit des Tages perfekter symbolisieren als diese de- und rekonstruierte Tomate, kein Kunstwerk könnte besser für den ausgedehnten Moment der Freude und das Zelebrieren des nachmittäglichen Müßiggangs stehen.“
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Sonnabend
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Es geht noch weiter, wie Sie in ihrem Artikel erfahren können. Auch an Veganer und Kinder ist gedacht. Noch dazu lädt Hirt in regelmäßigen Abständen Gast-Patissiers ein. Den Auftakt macht an zwei Tagen im September der in Belgien lebende Spitzenpatissier Roger van Damme. Der hat noch einmal ganz besondere Köstlichkeiten kreiert.
Ja, ja, ich höre Sie schon stöhnen: „Wer soll das bezahlen? Im Adlon? Kann sich doch kein Mensch leisten.“ Ich glaube doch. Denn der ganze Spaß kostet 79 Euro, mit einem Glas Champagner 89 Euro. „Man darf nicht nur an die Zahlen denken“, sagt Hirt. „Mein Anspruch ist es, den Adlon Afternoon Tea als einzigartiges Angebot in der Berliner Gastronomielandschaft zu positionieren.“ Das könnte ihm durchaus gelingen. Oh, und als Abonnent der Berliner Morgenpost können sie einen Afternoon Tea für zwei gewinnen. Wie, erfahren Sie in dem Bericht.
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Gastro-News der Woche
The Knast: Das Restaurant „The Knast“ ist an sich schon ungewöhnlich, liegt es doch in Lichterfelde in dem ehemaligen Frauengefängnis. Jetzt erweitert Geschäftsführerin Janina Atmadi das Angebot um Hotelzimmer. Diese sind in den ehemaligen Zellen untergebracht. „Wir freuen uns sehr, unsere Erlebniswelt auf diese Weise zu erweitern“, sagt Atmadi, „für Gäste, die ihren Besuch in Berlin aufregender gestalten oder ihre Date-Night fantasievoll ausklingen lassen möchten.“ Die insgesamt neun Zellenzimmer sind 13 bis 30 Quadratmeter groß, dafür wurden teils Zellen zusammengelegt. Söhtstraße 7, 12203 Berlin, https://theknast.de/hotel/
Fischerhütte am Schlachtensee: In der „Fischerhütte am Schlachtensee“ findet ab dem 25. September wieder das Highlight des Jahres statt: das Oktoberfest. Um 19 Uhr (Einlass 18 Uhr), geht es los mit Festbier von Augustiner und deftigen Schmankerln (18 Euro Kulturbeitrag). Dazu spielt der „Edelweiß-Express“. Bis zum 17. Oktober gibt es dann immer Donnerstag bis Samstag Wiesn-Zeit. Auch VIP-Tische können gebucht werden. Infos und Preise unter: https://fischerhuette-berlin.de/event/oktoberfest/
Kalle Halle: Nachdem die Gastronomen im Juli die Führung ihrer Stände in der „Kalle Halle“ in Neukölln in Eigenregie übernommen hatten, wird jetzt umgebaut. Die gastronomischen Stände sollen enger zusammenrücken, der Wintergarten zwischen der Markthalle und der Paradox Music Hall soll zum Lounge- und Aufenthaltsbereich für die Gäst werden. Zusätzlich soll ein weiterer Nahversorger einziehen. Bislang gibt es seit 2024 eine Edeka-Filiale. Das Ziel: Mehr Atmosphäre und kürzere Wege in Kalles Markthalle und gleichzeitig mehr Besucherfrequenz durch neue Einzelhändler. Karl-Marx-Straße 101, Neukölln.
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Sterneküche beim Morgenpost-Tasting
Ebenso luxuriös, wenn auch nicht an so einem luxuriösen Ort, gestaltete sich der Probetermin für das Morgenpost-Tasting im September. Die „100 Gramm Bar“ im Weinbergsweg hat seit Juli ein Wein-Popup am benachbarten Rosenthaler Platz aufgemacht, im „The Circus Hotel“. Das Ganze nennt sich „100 Gramm Vino“. Dort serviert Barchef Cedric Rinne ganz außergewöhnliche Gewächse, die alle eins gemeinsam haben: Die Weingüter liegen auf dem 50. Breitengrad Nord. Darunter sind ein sensationeller Riesling von Goldatzel, ein belgischer Chardonnay, der meine Social-Media-Kollegin Hanna Rech und mich mit seiner Sahnigkeit verzückte, ein kanadischer Pinot Noir, ein Süßwein sowie ein Cocktail.
Und dazu gibt es kleine Leckereien aus der Küche. Kreiert und produziert werden sie von Fabian Ehrit, seines Zeichens Koch im veganen Sternerestaurant „Bonvivant“, wo Nikodemus Berger Küchenchef ist. Es gibt also vegane Köstlichkeiten, die wirklich großartig sind. Dazu gute (wenn auch etwas laute) Musik und das quirlige Treiben an der Rosenthaler Straße. Hier erfahren Sie alles, was Sie wissen müssen.
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Auf in die Pilze

Beim Rezept der Woche hatte mir Markus Semmler ursprünglich angekündigt, es gebe Osso Buco mit Steinpilzen. Als das Rezept dann am Mittwoch eintraf, fehlten die Steinpilze. Es gebe zurzeit keine, teilte mir Markus per WhatsApp mit, obwohl sie schon erhältlich waren. Vermutlich das Wetter.
Nun, nichtsdestotrotz ist jetzt natürlich Pilzsaison, die man auch in Berlin finden kann (wenn das Wetter mitspielt). Meine erste Frau ging regelmäßig in die Pilze, eine Tradition in ihrer Familie, die sich vielleicht auch auf die karge Nachkriegszeit zurückführen ließ. Wir streiften also nahe dem Wannsee durch den Wald, immer auf der Suche nach Pilzen. Ich traute der ganzen Sache nie und überließ den Genuss anderen.
Wer sich mit Pilzen perfekt auskennt, ist Moritz Schmid. Der einstige Werbefotograf lebt in Zeuthen bei Berlin und hat Pilze zu seinem Lebensinhalt gemacht. Gerade ist sein neustes Buch mit dem einprägsamen Titel „Pilze, Pilze, Pilze“ herausgekommen. Darin liefert er Rezepte für Pilzgerichte, logisch. Für ihn ist der Pilz nicht nur Champignon und auch nicht nur Beilage. Er denkt vielmehr an Kreationen wie Pulled Austernseitlinge auf Paprika-Harissa-Creme, Pilzdöner, geflämmten Steinpilz auf getrüffeltem Kartoffelstampf oder Pilz-Sushi. Und empfiehlt auch seine Crème brûlée mit Steinpilzen – wenn es sie denn gibt. Stefanie Hofeditz hat ihn getroffen und sich erzählen lassen, warum Pilze so ein fantastischer Fleischersatz sind.
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Damit geht es von Schottland, dem Adlon und Mitte wieder zurück in das beschauliche Friedenau. Wobei die Schloßstraße jetzt offenbar auch gentrifiziert wird, in dem Sinne, dass Mitte kulinarisch nach Berlin kommt: Im SSC eröffnet Risa Chicken, im ehemaligen Starbucks, wo kurzzeitig Prêt à Manger residierte, wird es mit Slim Chickens wohl demnächst auch Hühnchen geben. Dazu hat Lap Coffee gegenüber vom Forum Steglitz geöffnet. Mir wäre zwar kulinarisch ein anderes Angebot als ausgerechnet Fast Food lieber, aber es ist, wie es ist. Hauptsache kein Leerstand.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen auch keinen kulinarischen Leerstand, sei es beim Afternoon Tea, beim Morgenpost-Tasting oder bei einer guten Pilzmahlzeit, und natürlich wie immer eine genussvolle Woche.
Herzlich, Ihr
Alexander Uhl





