Rücktritt

Hartmut Mehdorn - „Für mich schließt sich der Kreis“

Spätestens am 30. Juni 2015 will BER-Chef Mehdorn sein Amt niederlegen - weil hinter den Kulissen bereits nach seinem Nachfolger gesucht wurde. Diese Schmach konnte Mehdorn nicht wegstecken.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Die Bilder haben viele noch vor Augen. Hartmut Mehdorn fährt an seinem ersten Arbeitstag als Chef des Flughafens BER mit seinem schwarzen Mini am Landtag in Potsdam vor. Er sitzt selbst am Steuer und winkt dem Pförtner freudig zu. Am liebsten hätte der ehemalige Bahn- und Air-Berlin-Manager im maroden Parlamentsgebäude gleich mehrere Stufen auf einmal genommen. So voller Elan ist er.

Damit seine Tatkraft alle mitbekommen, ruft der damals 70-Jährige den Landtagsabgeordneten auf dem Weg in den Sitzungssaal zu: „Jetzt wird gearbeitet!“ Das war im März 2013. Ein Jahr und neun Monate später verkündet Hartmut Mehdorn, dass er seine Arbeit bald einstellen wird. Per E-Mail verkündet die Flughafengesellschaft am Montag gegen 14 Uhr: „Mehdorn legt den Vorsitz der FBB-Geschäftsführung nieder.“

Der umtriebige Manager ist für seine Impulsivität bekannt. Doch diesen Schritt scheint Hartmut Mehdorn sich überlegt zu haben. Er wirft nicht sofort hin, sondern bietet dem amtierenden Aufsichtsvorsitzenden Rainer Bretschneider (SPD) an, die Aufgaben weiterzuführen, bis ein Nachfolger gefunden ist.

>> Kommentar: Es geht immer noch schlimmer

Spätestens zum 30. Juni 2015 sei für ihn aber endgültig Schluss. Seinen Rückzug begründet er in dem Schreiben „mit Spekulationen um seine Person im Umfeld des Aufsichtsrats, die das vertretbare Maß überstiegen“. Und er macht klar: „Ich bedauere meinen Rücktritt persönlich sehr, da er weder meinem Pflichtbewusstsein noch meinen persönlichen Zielen entspricht.“ Der Schritt sei in Abwägung der Gesamtlage notwendig geworden.

Dabei hatte Hartmut Mehdorn doch endlich einen Erfolg zu verbuchen. Vor drei Tagen beschloss der Aufsichtsrat einen ungefähren Eröffnungstermin für den BER. Der Flughafen soll im zweiten Halbjahr 2017 in Betrieb gehen. Mit sechsjähriger Verspätung zwar, aber immerhin. So absurd das klingt, mittlerweile ist schon die Festlegung auf einen Termin ein Erfolg.

>> Wie es nach Mehdorns Rücktritt am BER weitergeht

Hinter dem Beschluss des vorsichtig gewordenen Aufsichtsrates steht nach mehreren Terminverschiebungen auch die Botschaft: Wir vertrauen Hartmut Mehdorns Aussagen, dass er es bis dahin hinbekommt. Dass er den Fortschritt auf der Baustelle glaubhaft belegen konnte, hat Bretschneider ihm nach der Aufsichtsratsitzung auch öffentlich bestätigt. Doch Mehdorn reichte ein solches Bekenntnis offenbar nicht mehr.

72-Jähriger forderte Rückhalt

Zuvor hatte der Flughafenmanager den Rückhalt des Aufsichtsrates eingefordert, und auch die Unterstützung der Gesellschafter. Berlin, Brandenburg und der Bund. „Ein Aufsichtsrat muss Vertrauen in seine Geschäftsführung haben“, forderte Mehdorn und stellte das Ultimatum: „Entweder er traut seiner Geschäftsleitung, oder er sucht sich eine neue. Dazwischen gibt es nichts.“ In einem Brief an den scheidenden Aufsichtsratschef Klaus Wowereit (SPD) beschwerte er sich darüber, dass das immer ungeduldiger werdende Gremium im Sommer externe Gutachter eingesetzt hat, um die Vorgänge am BER zu kontrollieren. Mehdorn warf seinen Arbeitgebern „Inquisition“ und „Zynismus“ vor.

Am meisten traf Hartmut Mehdorn, dass in den Tagen davor publik geworden, er müsse um die Verlängerung seines im März 2016 auslaufenden Drei-Jahres-Vertrag bangen. In den Zeitungen musste er lesen, dass der Bund bereits einen Headhunter eingeschaltet habe, um einen Nachfolger zu finden, dass auch Brandenburg ihn loswerden möchte.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost war sogar schon einen Termin wegen eines Nachfolgers geplant. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrinth (CSU) soll dazu eingeladen haben: seinen Verkehrsstaatssekretär Rainer Bomba (CDU), Berlins damals noch designierten Regierenden Bürgermeister Michael Müller und Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD). Als Nachfolgekandidaten für Mehdorn waren angeblich der Chef des Flughafens Köln/Bonn, Michael Garvens, und der Münchener Flughafenmanager Thomas Weyer im Gespräch. Das Treffen kam nach einer Indiskretion nicht zustande, für den ehrgeizigen Mehdorn aber war dies offenbar der Anfang vom Ende. Diese Schmach konnte er nicht wegstecken.

BER „in einem desolaten Zustand“

Als Verlierer will Hartmut Mehdorn aber nicht gehen. Auf 27 Seiten hat er in einem Positionspapier an den Aufsichtsrat dargelegt, welche massiven Probleme er auf der Baustelle vorfand. 2012 habe sich das Flughafenprojekt „in einem mehr als desolaten Zustand“ befunden. Er aber habe die Flughafen-Gesellschaft personell und inhaltlich komplett neu aufgestellt. „Es wird keine Überraschungen auf der Baustelle mehr geben“, versprach er dem Aufsichtsrat. „Zumindest keine mehr, die nicht in den Griff zu bekommen sind.“

In Berlin stößt Mehdorns Rückzug auf Bedauern. In Gesellschafterkreisen wird vor allem Brandenburg die Schuld daran gegeben. Die Linken in der rot-roten Regierung plädierten schon lange dafür, Mehdorn abzulösen. „Sie haben mich geholt“, warnte der einst seine Arbeitgeber, „jetzt müssen Sie mich auch aushalten.“

Er mutete ihnen tatsächlich viel zu: Tegel wollte er offen halten, der vor allem für die Brandenburger wichtige Schallschutz erschien ihm eher lästig. Seine immer neuen Ideen sorgten für Wirbel. So stoppte der Aufsichtsrat sein Vorhaben, schon weit vor der Eröffnung einen Testbetrieb am Nordpier zu starten. Und mit dem damaligen Technikchef Horst Amann lieferte er sich heftige Machtkämpfe. Amann zog den Kürzeren. In Brandenburg soll auch für Verärgerung gesorgt haben, dass Mehdorn angeblich mehrfach gegen das für die Bauabnahme zuständige Bauordnungsamt im Landkreis Dahme-Spreewald gewettert habe.

Als an diesem Montag in Potsdam wieder einmal der BER-Sonderausschuss tagte, war Mehdorn nicht dabei. Er hatte sich wegen eines Investorentreffens entschuldigt. Ministerpräsident Woidke stand den Abgeordneten zur Verfügung. Er zeigte sich überrascht von Mehdorns Rücktrittsankündigung. „Ich hatte erwartet, dass in den kommenden Jahren die verabredeten Aufgaben mit Vehemenz angegangen werden“ sagte der Regierungschef. Es sei Mehdorn gelungen, „den Prozess der Inbetriebnahme des BER wieder in die richtige Spur zu bringen“. Die Leistung Mehdorns sei unbestritten. Woidke sagte aber auch, er hätte sich zwar einen schnelleren Bau und „weniger Schlagzeilen“ gewünscht. „Mehdorn hat es uns nicht immer leicht gemacht, aber wir haben es ihm auch nicht immer leicht gemacht“, so Woidke. „Wir sind doch in Aufbruchstimmung aus der Klausur des Aufsichtsrates gegangen“, äußerte sich Flughafenkoordinator Bretschneider verwundert.

„Für mich schließt sich der Kreis“

Doch bei Hartmut Mehdorn war von seinem einstigen Elan – zumindest bei der Pressekonferenz nach der Aufsichtsratssitzung – wenig zu merken. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. Es reichte ihm. „Für mich schließt sich mit der Entscheidung für das Terminband zweites Halbjahr 2017 vom vergangenen Freitag ein Kreis“, ließ der 72-Jährige in der Mitteilung wissen, die er am Montag per Mail verschicken ließ. „Als ich im März 2013 den Posten des Vorsitzenden der Geschäftsführung der FBB übernahm, herrschten Chaos und Stillstand auf der Baustelle. Nun ist die Baustellenorganisation geordnet, die technischen Kernfragen sind entschieden, und ein neues Managementteam für FBB und BER ist an Bord.“ Hartmut Mehdorn hatte sich eigentlich mehr vorgenommen.

>> Das Special zum Pannen-Flughafen BER